Wiener Stadttempel

Mittwoch, 14. April 2021 - 11:00 (CET/MEZ) Berlin | Author/Destination:
Category/Kategorie: Allgemein

© Bic/cc-by-sa-4.0

© Bic/cc-by-sa-4.0

Der Stadttempel ist die Hauptsynagoge von Wien. Er befindet sich im 1. Wiener Gemeindebezirk Innere Stadt in der Seitenstettengasse 4. Deshalb wird die Hauptsynagoge auch Seitenstettentempel genannt. Es war vor 1938 auf Grund der Vielzahl von Synagogen und Gebetsräumen in Wien üblich, die Einrichtungen nach den Straßen oder Gassen zu benennen.

Mit dem wirtschaftlichen Aufschwung einiger jüdischer Familien am Ende des 18. Jahrhunderts und den durch ein Toleranzpatent Kaiser Joseph II. ermöglichten Emanzipationsbestrebungen der Juden entstand auch der Plan zur Errichtung einer repräsentativen Synagoge in der Innenstadt. Dieses Vorhaben wurde vom Vorstand der Jüdischen Gemeinde unterstützt und 1819 in einem Schreiben allen Mitgliedern bekannt gegeben. Zwei der in Aussicht genommenen Bauplätze wurden vom Magistrat nicht genehmigt. 1811 kauften Michael Lazar Biedermann und Isaak Löw Hofmann um 90.000 Gulden den Pempflingerhof (vulgo Dempfingerhof) in der heutigen Seitenstettengasse. 1823 musste das Gebäude aber wegen Baufälligkeit abgerissen werden und Joseph Kornhäusel, einer der bekanntesten Wiener Architekten seiner Epoche, erhielt den Auftrag zum Neubau. Die Grundsteinlegung für den im klassizistischen Stil geplanten Bau fand am 12. Dezember 1825 statt. Die feierliche Eröffnung folgte am 9. April 1826. Entsprechend den damals geltenden Vorschriften mussten nichtkatholische Gotteshäuser, sogenannte Toleranzbethäuser, “verborgen” werden und durften nicht unmittelbar von der Straße aus sichtbar sein. Der Kunsthistoriker Max Eisler (1881–1937, ein orthodoxer Jude), sprach daher von der Synagoge als einem “Denkmal seiner zwiespältigen Zeit. […] Draußen – da die Juden ihre Gotteshäuser nicht an der Straße kenntlich machen durften – wie ein Zinshaus, drinnen wie ein Theater. Nur kein Tempel” Die Synagoge selbst befindet sich daher hinter einem fünfgeschoßigen Mietshaus mit 14 Fensterachsen und einer klassizistischen Fassade, in dem Einrichtungen der Israelitischen Kultusgemeinde untergebracht sind. Der Zugang zum Stadttempel, der als selbständiger Bau errichtet ist, erfolgt durch das Straßengebäude.

Der ovale Gebetsraum mit einem umlaufenden Kranz von zwölf ionischen Säulen, auf denen die Frauengalerie ruht, wird von einer Kuppel und zwei Laternen überwölbt. Das Parterre ist den Männern vorbehalten. Insgesamt hat die Synagoge etwa 700 Sitzplätze. Der Toraschrein an seiner Front wird im Kuppelbereich von den in einem Strahlenkranz eingebetteten halbplastisch ausgebildeten Gesetzestafeln bekrönt. Die heutige Raum- und Lichtgestaltung entspricht nicht mehr dem ursprünglichen Zustand, denn schon anlässlich der ersten Renovierung durch Wilhelm Stiassny ab 1895 gab es Veränderungen an der Frauengalerie, der Ausschmückung der Kuppel und der Beleuchtung, nachdem schon 1867 die Gasbeleuchtung eingeführten worden war. 1923 folgte eine zweite Renovierung. Der heutige Zustand ist das Ergebnis der 1963 vorgenommenen Generalrenovierung. 1934 wurde im Vorraum vom Bund jüdischer Frontsoldaten eine Gedenktafel für die vielen gefallenen jüdischen Soldaten des Ersten Weltkrieges angebracht.

© Politikaner/cc-by-sa-3.0 © Bella47/cc-by-sa-3.0-at © Bic/cc-by-sa-4.0 © C. Cossa/cc-by-sa-3.0-at © Dnalor 01/cc-by-sa-3.0-at © Gryffindor/cc-by-2.5
<
>
© Dnalor 01/cc-by-sa-3.0-at
Während in der Pogromnacht des 9./10. November 1938 alle anderen der über 130 Wiener Synagogen und Bethäuser in Brand gesteckt wurden, entging die Wiener Hauptsynagoge durch ihre enge Verbauung im Wohngebiet als einzige der Vernichtung. Der Innenraum wurde aber entweiht, verwüstet und als Sammellager für die Wiener Juden missbraucht, die dann deportiert und anschließend im Holocaust ermordet wurden. Daran erinnert eine im September 1988 enthüllte Gedenktafel in der Eingangshalle.

Im Vorraum befinden sich mehrere Gedenktafeln, so eine für die verewigten, im Stadttempel tätig gewesenen Rabbiner. Seit 1894, als Oberrabbiner Moritz Güdemann, der bis dahin im Leopoldstädter Tempel wirkte, in die Synagoge in der Seitenstettengasse wechselte, ist der Stadttempel traditionell die Synagoge aller Wiener Oberrabbiner. Die Inschrift “Dem Gedenken der jüdischen Männer, Frauen und Kinder, die in den schicksalsschweren Jahren 1938–1945 ihr Leben ließen” befindet sich zusammen mit dem Vers aus dem “Awinu Malkenu“-Gebet: “Unser Vater, unser König, tue es um derentwillen, die für deinen Heiligen Namen ermordet wurden” auf einer anderen, bald nach 1945 angebrachten Gedenktafel. Ein weiteres Ehrenmal gilt den ehemaligen österreichischen Juden, die im Israelischen Befreiungskrieg 1948 fielen. Ebenfalls im Vorraum befindet sich eine am 3. Juni 1993 eingeweihte Gedenkstätte für Aron Menczer, Leiter der Einwanderungsbewegung für Jugendliche nach Palästina, und die zionistische Jugend Wiens. Am 9. November 2002 wurde hier eine Gedenkstätte für die 65.000 ermordeten österreichischen Juden enthüllt. Inmitten von drehbaren Schiefertafeln, auf denen alle erfassten Namen der Getöteten eingraviert sind, steht eine abgebrochene Granitsäule als Zeichen für das von den Nationalsozialisten vernichtete Gemeinwesen, das bis 1938 zu den ganz großen Zentren des Judentums gezählt hatte. In der Synagoge erinnern noch zahlreiche weitere von Angehörigen gestiftete Gedenktafeln an Opfer der Judenverfolgung.

Ab Herbst 1945 konnten in der vorerst provisorisch renovierten Synagoge wieder Gottesdienste gehalten werden. Am 2. April 1946 fand ein feierlicher Gottesdienst in Anwesenheit des Wiener Bürgermeisters Theodor Körner zur Erinnerung an das 120-Jährige Jubiläum der Einweihung statt, der über Rundfunk auch in die USA, nach Großbritannien und nach Palästina gesendet wurde; aber erst im September 1947 wurden wieder Bänke eingebaut. Die jüdische Gemeinde in Wien zählt heute etwa 7.000 Mitglieder und repräsentiert damit den größten Teil der in Österreich lebenden Juden. Das Jüdische Museum Wien bietet geführte Besichtigungen des Stadttempels an.

Lesen Sie mehr auf Israelitische Kultusgemeinde Wien und Wikipedia Stadttempel (Sicher Reisen - Die Reiseapp des Auswärtigen Amtes - Wetterbericht von wetter.com). Fotos von Wikimedia Commons. Wenn Sie eine Anregung, Kritik oder einen Hinweis zu dem Beitrag haben, freuen wir uns auf Ihre E-Mail an kommentar@wingsch.net. Nennen Sie dazu im Betreff bitte die Überschrift des Blogbeitrags, auf den sich Ihre E-Mail bezieht.








Das könnte Sie auch interessieren:

Diesen Beitrag teilen: (Vor Nutzung der Button Datenschutzregelungen beachten)

Baracoa im Osten Kubas

Baracoa im Osten Kubas

[caption id="attachment_163600" align="aligncenter" width="590"] Sunset at the Bay of Honey © Paul Postiaux/cc-by-sa-3.0[/caption][responsivevoice_button voice="Deutsch Female" buttontext="Diesen Beitrag vorlesen lassen"]Baracoa (früher: "Villa de Nuestra Señora de la Asunción de Baracoa") ist eine Stadt und ein Municipio im Osten Kubas und gehört zur Provinz Guantánamo. Sie liegt an der "Bahía de Miel" (spanisch für: "Honigbucht") und wird von der "Sierra del Purial" umgeben. Die breite Gebirgskette ist auch der Grund für die Abgeschiedenheit der Stadt. Vor der Revolution war Baracoa...

[ read more ]

Themenwoche Ecuador - Guayaquil

Themenwoche Ecuador - Guayaquil

[caption id="attachment_171346" align="aligncenter" width="590"] © JORGITO1983/cc-by-sa-4.0[/caption][responsivevoice_button voice="Deutsch Female" buttontext="Diesen Beitrag vorlesen"]Guayaquil (eigentlich Santiago de Guayaquil) ist die Hauptstadt der ecuadorianischen Provinz Guayas und sowohl größte Stadt als auch wichtigster Hafen Ecuadors. Sie hat etwa 2,6 Millionen Einwohner; im Großraum Guayaquil leben mehr als 3 Millionen Menschen. Damit ist Guayaquil deutlich größer als die Hauptstadt Quito. Guayaquil ist der Sitz zahlreicher Universitäten. Das Klima in Guayaquil ist tropisch, a...

[ read more ]

Das Zeughaus in Berlin

Das Zeughaus in Berlin

[caption id="attachment_26624" align="aligncenter" width="590"] © Avda/cc-by-sa-3.0[/caption][responsivevoice_button voice="Deutsch Female" buttontext="Diesen Beitrag vorlesen"]Das Zeughaus ist das älteste erhaltene Gebäude am Boulevard Unter den Linden in Berlin und datiert aus der Epoche des Barock. Es wurde als Waffenarsenal (Zeughaus) erbaut. Heute beherbergt es das Deutsche Historische Museum. Schon 1667 verfügte Kurfürst Friedrich Wilhelm von Brandenburg in seinem politischen Testament, dass "ein schönes Zeughaus allda angelegt werden muss". Der Pariser Hof- und Stararchite...

[ read more ]

Deauville, Königreich der Eleganz

Deauville, Königreich der Eleganz

[caption id="attachment_151664" align="aligncenter" width="590"] Town Hall © Viault[/caption][responsivevoice_button voice="Deutsch Female" buttontext="Diesen Beitrag vorlesen"]Deauville ist ein französisches Seebad mit 4005 Einwohnern im Département Calvados in der Region Basse-Normandie mit einem bedeutenden Yachthafen. Dieser, die Pferderennbahn, die prächtigen Villen und Hotels, das Casino sowie der breite Sandstrand und seine Promenade tragen dazu bei, dass Deauville als eines der elegantesten normannischen Seebäder angesehen wird. Bedeutendes Bauwerk ist die Kirche St. Laure...

[ read more ]

Themenwoche Neukaledonien - Le Mont-Dore

Themenwoche Neukaledonien - Le Mont-Dore

[caption id="attachment_150835" align="aligncenter" width="590"] Town Hall © Torbenbrinker/cc-by-sa-3.0[/caption][responsivevoice_button voice="Deutsch Female" buttontext="Diesen Beitrag vorlesen"]Le Mont-Dore ist eine Gemeinde in der Südprovinz. Le Mont-Dore ist die zweitgrößte Stadt Neukaledoniens und Mittelpunkt einer Samtgemeinde. Sie ist flächenmäßig sehr ausgedehnt und liegt größtenteils auf der Hauptinsel Grande Terre, aber auch weitere kleine Inseln vor der Küste, wie beispielsweise die Île Ouen, gehören dazu. Mont-Dore ist eine junge Stadt. Sie grenzt unmittelbar an die Ha...

[ read more ]

Deutsche Fachwerkstraße

Deutsche Fachwerkstraße

[caption id="attachment_1420" align="alignleft" width="382" caption="Complete overview of the seven regional routes of the German Half-Timbered House Road © Wolfgang A. Köhler"][/caption][responsivevoice_button voice="Deutsch Female" buttontext="Diesen Beitrag vorlesen"]Die im Jahr 1990 ins Leben gerufene Deutsche Fachwerkstraße ist eine Ferienstraße und erstreckt sich von der Elbmündung im Norden bis zum Bodensee im Süden. Sie führt zu Städten und Gemeinden mit bemerkenswerten Fachwerkbauten und ist derzeit in sieben Teilstrecken unterteilt, die die Bundesländer Niedersachsen, Sachse...

[ read more ]

LivingHomes stellt Mehrfamilienhaus mit drei Einheiten, geplant von Ray Kappe, in Los Altos fertig

LivingHomes stellt Mehrfamilienhaus mit drei Einheiten, geplant von Ray Kappe, in Los Altos fertig

[caption id="attachment_152253" align="aligncenter" width="590"] Los Altos © LivingHomes[/caption][responsivevoice_button voice="Deutsch Female" buttontext="Diesen Beitrag vorlesen"]LivingHomes, Hersteller von modularen Fertighäusern, hat gerade sein jüngstes Projekt - ein Mehrfamilienhaus mit drei Einheiten in Los Altos, Kalifornien - erfolgreich abgeschlossen. Das Gebäude, das von Ray Kappe, AIA, geplant worden ist, ist das erste LEED Platinum-Vorhaben in der Region. LivingHomes baut Stahl- und Holzrahmenbau-Fertighäuser, mit einem starken Augenmerk auf gesundheitlich unbedenkliche und ...

[ read more ]

Palau im Pazifik

Palau im Pazifik

[caption id="attachment_185702" align="aligncenter" width="590"] Rock Islands © Peter R. Binter[/caption][responsivevoice_button voice="Deutsch Female" buttontext="Diesen Beitrag vorlesen"]Palau ist ein Inselstaat im Pazifischen Ozean. Die rund 17.700 Einwohner des Staates bevölkern elf der insgesamt 356 Inseln des Staates. Hauptstadt ist Ngerulmud auf der Insel Babeldaob; Amtssprachen sind Palauisch und Englisch. Bis zur Unabhängigkeit am 1. Oktober 1994 war Palau ein UN-Treuhandgebiet unter Kontrolle der Vereinigten Staaten. Bis heute ist der Staat mit den USA assoziiert und sta...

[ read more ]

Die Stena Line

Die Stena Line

[caption id="attachment_152845" align="aligncenter" width="590"] The QE2 and Stena Voyager in Belfast Lough © geograph.org.uk / Albert Bridge[/caption][responsivevoice_button voice="Deutsch Female" buttontext="Diesen Beitrag vorlesen"]Die schwedische Reederei Stena Line hat sich seit ihrer Gründung im Jahr 1962 zu einem der größten Fährunternehmen der Welt entwickelt. Heute transportieren die insgesamt 35 Stena-Line-Schiffe jedes Jahr auf 18 eigenen Fährlinien fast 16 Millionen Passagiere, 3 Millionen Fahrzeuge und 1,8 Millionen Frachteinheiten zwischen den Niederlanden und Großbritanni...

[ read more ]

Themenwoche Korsika - Calvi

Themenwoche Korsika - Calvi

[caption id="attachment_153845" align="aligncenter" width="590"] Pinède Beach © Pierre Bona[/caption][responsivevoice_button voice="Deutsch Female" buttontext="Diesen Beitrag vorlesen"]Calvi ist eine französische Hafenstadt an der Nordwestküste Korsikas und Hauptort der Landschaft Balagne. Mit 5.400 Einwohnern ist sie die fünftgrößte Gemeinde auf Korsika. Seit den 1960er Jahren ist die Stadt ein bekannter Touristenort und meistbesuchter Ort der Insel. Mehr als die Hälfte der Einwohner lebt heute vom Tourismus. Calvi liegt 95 km von Bastia und 24 km von L'Île-Rousse entfernt am Golf vo...

[ read more ]

Return to Top ▲Return to Top ▲
Church of the Beatitudes © Berthold Werner
Berg der Seligpreisungen am See Genezareth

Der Berg der Seligpreisungen ist ein Hügel im Nordbezirk Israels auf dem Korazim-Plateau. Hier soll Jesus die Bergpredigt gehalten haben,...

Pubs at Grassmarket © Reinhold Möller/cc-by-sa-4.0
Grassmarket in Edinburgh

Der Grassmarket in der Altstadt (UNESCO-Welterbe) von Edinburgh, Schottland, war in früheren Zeiten ein mittelalterlicher Marktplatz an dem heutzutage in...

© Diego Delso/cc-by-sa-3.0
Souq Waqif in Doha

Souq Waqif ("der stehende Markt") ist ein Marktplatz (Souq) in Doha in Katar. Der Souq ist bekannt für den Verkauf...

Schließen