Themenwoche Kasachstan – Baikonur

Freitag, 23. November 2018 - 12:00 (CET/MEZ) Berlin | Author/Destination:
Category/Kategorie: Allgemein

Baikonur Cosmodrome Museum © flickr.com - Ninara/cc-by-2.0

Baikonur Cosmodrome Museum © flickr.com – Ninara/cc-by-2.0

Baikonur bis 1995 Leninsk ist eine Stadt im südlichen Kasachstan, etwa 200 Kilometer östlich des Nördlichen Aralsees am Nordufer des Flusses Syrdarja. Weltweit bekannt ist die Stadt vor allem für das ca. 20 km nördlich befindliche Kosmodrom Baikonur, von dem aus seit 1957 sowjetische bzw. russische Weltraum-Missionen starten. Die Stadt Baikonur wird seit Ende 1994 von Russland gepachtet, steht unter russischer Verwaltung und bildet daher einen eigenständigen Distrikt innerhalb Kasachstans.

1955 begann die Sowjetunion nahe der kleinen Siedlung Tjuratam den Bau eines Testgeländes für ihre ersten Interkontinentalraketen. Tjuratam lag für den Zweck recht verkehrsgünstig am Ufer des Flusses Syrdarja und an der Eisenbahnstrecke MoskauTaschkent (Trans-Aral-Eisenbahn). Die Gründung erfolgte am 2. Februar 1955. Zu den maßgeblichen Konstrukteuren des Weltraumbahnhofs gehörte unter anderem die russischen Ingenieure Sergei Koroljow, Nikolai Piljugin und Wladimir Barmin.

Die Bezeichnung des Testgeländes lautete “Forschungs- und Versuchsgelände # 5”, kurz NIIP-5. Den Namen Baikonur erhielt es zur Irreführung der Westmächte. Der Standort Tjuratam unterlag einerseits strengster Geheimhaltung, andererseits wollte die sowjetische Regierung sich ihrer Erfolge rühmen und nach Juri Gagarins Raumflug 1961 in den öffentlichen Bekanntgaben auch einen Ort der Raketenstarts nennen. So wurde dann “Baikonur”, ein Ort etwa 320 km nordöstlich des wirklichen Standorts, der keinen Bezug zum Weltraumprogramm hatte, als Standort des Weltraumbahnhofs genannt. Öffentliche Bezeichnung von NIIP-5 war fortan Kosmodrom Baikonur. Die Siedlung, die sich um das Kosmodrom rasch entwickelte, erhielt nach Namen wie Sarja, Swesdograd, Taschkent-90 und Leninski mit dem Stadtrecht 1966 schließlich den Namen Leninsk. Der Bahnhof heißt nach wie vor Tjuratam. Am 20. Dezember 1995 wurde Leninsk schließlich in Baikonur umbenannt. Offizielle Bezeichnung des Raumfahrtzentrums ist mittlerweile “5. Staatliches Versuchskosmodrom der Russischen Föderation”.

Baikonur City Yurt © flickr.com - Ninara/cc-by-2.0 Baikonur Cosmodrome Museum © flickr.com - Ninara/cc-by-2.0 Baikonur Cosmodrome Soyuz launch pad © NASA - Bill/Ingalls Marketplace © flickr.com - Ninara/cc-by-2.0 Gagarin prospect © Yuriy75 © flickr.com - Russian Space Program - Christopher Michel/cc-by-2.0 Soyuz MS-07 - Expedition 54 Launch © flickr.com - NASA - Joel Kowsky
<
>
Soyuz MS-07 - Expedition 54 Launch © flickr.com - NASA - Joel Kowsky
Angetrieben vom Kalten Krieg wurde das Kosmodrom sehr schnell ausgebaut. Insbesondere Chruschtschow drängte auf immer neue und effektvolle Rekorde im prestigeträchtigen Wettlauf ins All. Sputnik 1, der erste künstliche Satellit im Weltraum 1957. Laika, das erste (irdische) Lebewesen im Weltraum 1957. Belka und Strelka, die ersten Lebewesen, die lebend wieder zurückkehrten 1960. Juri Gagarin, der erste Mensch im Weltraum 1961. Walentina Tereschkowa, die erste Frau im Weltraum 1963. Lunochod 1, das erste ferngesteuerte Mondfahrzeug 1970. Saljut 1, die erste Raumstation 1971. Mir, die erste ständig bemannte Raumstation 1986 – sie alle starteten von Baikonur. Der enorme Zeitdruck führte allerdings auch zu zahlreichen Unfällen. So ereignete sich am 24. Oktober 1960 in Baikonur der schwerste Unfall der Geschichte der Raketentechnik, die Nedelin-Katastrophe. Die Explosion einer Interkontinentalrakete vom Typ R-16 bei den trotz offensichtlicher Mängel von Moskau angeordneten Startvorbereitungen kostete 126 Menschen das Leben, darunter auch Mitrofan Nedelin, Chef der strategischen Raketentruppen. Das Zentralkomitee der KPdSU ließ in einer kurzen Notiz daraufhin lediglich verlauten, Marschall Nedelin sei bei einem Flugzeugabsturz umgekommen. Die Katastrophe gelangte erst 1989 an die Öffentlichkeit, die offizielle Liste der Todesopfer wurde erst unter Präsident Jelzin freigegeben. Die Startvorbereitungen der nächsten R-16 Rakete wurden bereits am 4. Januar 1961 fortgesetzt. Als erste Person aus dem Westen besuchte der französische Staatspräsident Charles de Gaulle am 20. Juni 1966 Baikonur. Dem ersten NASA-Team wurden am 28. April 1975 im Rahmen der gemeinsamen Sojus-Apollo-Docking-Mission Teile des Kosmodroms gezeigt. Bei solchen Besuchen versuchte die Sowjetunion, den militärischen Charakter des Geländes zu verschleiern. Alles militärische Personal, das in Sichtweite der ausländischen Besucher geraten konnte, erhielt die Anweisung, Zivilkleidung zu tragen. Auch wenn Baikonur in der Welt vor allem für die bemannten Raumflüge bekannt wurde, lag der Hauptzweck der Einrichtung von Anfang an bis zum Zerfall der Sowjetunion 1991 im Test von flüssigkeitsgetriebenen Langstreckenraketen. Mitte der 1980er Jahre hatte die verbotene Stadt Leninsk nach offiziellen Angaben 100.000 Einwohner, 356 Wohnblöcke, 9 Schulen, 31 Kindergärten, 18 Hotels, einen eigenen Fernsehsender, mehrere Kinos, ein Stadion, eine Getränkefabrik und zwei Betonwerke.

Der Zerfall der Sowjetunion und die Unabhängigkeit Kasachstans 1991 stürzten Baikonur und Leninsk in eine schwere Krise. Das bei weitem wichtigste Kosmodrom der Sowjetunion befand sich nun auf kasachischem Staatsgebiet. Die Startplätze auf russischem Territorium waren nur beschränkt geeignet, Baikonur zu ersetzen. Zwar vereinbarten Kasachstan und Russland sehr früh eine Zusammenarbeit, wie diese jedoch konkret aussehen sollte, war Gegenstand langer Verhandlungen. Ohnehin angeschlagen von der schwierigen wirtschaftlichen Situation beider Staaten, drohte Baikonur unter der vertrackten Rechtslage zusammenzubrechen. Gehälter und Renten wurden nicht mehr ausgezahlt. Wasser- und Energieversorgung brachen des Öfteren zusammen, Anwohner plünderten die Einrichtung, stahlen Autos, rissen Kabel aus technischen Anlagen, um sie als Wertmetall zu verkaufen. Im Januar 1992 war der Start eines Versorgungsschiffes zur Mir gefährdet, weil am Boden die unbezahlten Militärangestellten revoltierten. Etwa 40 % der Bevölkerung verließ die Gegend. Nach offiziellen Angaben verließen 1993 die letzten Atomsprengköpfe Baikonur. Am 28. März 1994 pachtete Russland schließlich für jährlich 115 Millionen Dollar das Gelände von Kasachstan. Im Dezember 1994 wurden letzte Details vereinbart und die Stadt Leninsk unter russische Verwaltung gestellt. Die Vertragslaufzeit betrug vorerst 20 Jahre, wurde am 9. Januar 2004 aber bis zum Jahr 2050 verlängert.

Hier finden Sie eine Übersicht aller Themenwochen.

Lesen Sie mehr auf space.com – Baikonur Cosmodrome: Russian Launch Complex und Wikipedia Baikonur. Hier erfahren Sie mehr über Bilder und deren Verwendung. Damit Sie sich auf dem Laufenden halten können, bieten die meisten Stadt- oder Tourismus-Webseiten einen Newsletter-Service an und/oder unterhalten Facebook-Seiten/Twitter-Accounts. Zudem bieten mehr und mehr Orte, Tourismusorganisationen und Kultureinrichtungen zusätzlich Apps für SmartPhones und Tablets an, sodass Sie Ihren mobilen Fremdenführer immer dabei haben können (Sicher Reisen - Die Reiseapp des Auswärtigen Amtes). Wenn Sie eine Anregung, Kritik oder einen Hinweis zu dem Beitrag haben, freuen wir uns auf Ihre E-Mail an kommentar@wingsch.net. Nennen Sie dazu im Betreff bitte die Überschrift des Blogbeitrags, auf den sich Ihre E-Mail bezieht.



Das könnte Sie auch interessieren:

Diesen Beitrag teilen:

Die Deutsche Kolonie in Palästina

Die Deutsche Kolonie in Palästina

[caption id="attachment_26976" align="aligncenter" width="590"] German Colony Jerusalem - Templer Communal House © Shayzu/cc-by-sa-3.0[/caption][responsivevoice_button voice="Deutsch Female" buttontext="Diesen Beitrag vorlesen"]Die Tempelgesellschaft ist eine um 1850 im Königreich Württemberg entstandene christlich-chiliastische Religionsgemeinschaft. Ihre Siedlungen in Palästina bildeten einen bedeutenden Wirtschaftsfaktor. Steinerne Zeugen sind bis heute unter anderem in der sogenannten German Colony in Haifa, in Tel Aviv und in Jerusalem erhalten, aber auch in allen anderen größeren O...

Themenwoche Libanon - Sidon an der Mittelmeerküste

Themenwoche Libanon - Sidon an der Mittelmeerküste

[caption id="attachment_151269" align="aligncenter" width="590"] © Robysan/cc-by-sa-3.0[/caption][responsivevoice_button voice="Deutsch Female" buttontext="Diesen Beitrag vorlesen"]Sidon ist die viertgrößte Stadt des Libanon. Sie ist Hauptstadt des Gouvernements Süd-Libanon und des Distrikts Sidon. Sie liegt am Mittelmeer nördlich von Tyros südlich der Hauptstadt Beirut. Der Name bedeutet so viel wie Fischerstadt. Die Stadt verfügt über ein große Anzahl historisch bedeutender Sehenswürdigkeiten. Gleichzeitig steht ein vielfältiges Shopping- und Entertainment-Angebot zu Befriedigung ...

Preis der Europäischen Union für zeitgenössische Architektur

Preis der Europäischen Union für zeitgenössische Architektur

[caption id="attachment_185892" align="aligncenter" width="590"] © europa.eu[/caption][responsivevoice_button voice="Deutsch Female" buttontext="Diesen Beitrag vorlesen"]Der European Union Prize for Contemporary Architecture, bis 1998 Mies van der Rohe Award for European Architecture, ist ein Architekturpreis, der 1987 von der Europäischen Kommission, dem europäischen Parlament und der Stiftung Mies van der Rohe - Barcelona ins Leben gerufen wurde. Er ist nach dem Architekten Ludwig Mies van der Rohe benannt und wird alle zwei Jahre vergeben. Der Preis ist mit 60.000 Euro dotiert und gilt a...

Larnaka auf Zypern

Larnaka auf Zypern

[caption id="attachment_153492" align="aligncenter" width="590"] Palm Trees Promenade © Valantis Antoniades/cc-by-sa-3.0[/caption][responsivevoice_button voice="Deutsch Female" buttontext="Diesen Beitrag vorlesen"]Larnaka ist eine Hafenstadt im Südosten der Mittelmeerinsel Zypern mit 72.000 Einwohnern und Hauptort des gleichnamigen Bezirkes. Im 18. Jahrhundert wurde Larnaka zu einem Handelszentrum und Sitz europäischer Konsulate. Die Bedeutung der Hafenstadt nahm nach 1974 zu, als aufgrund der türkischen Invasion der Hafen von Girne und der Flughafen Nikosia geschlossen wurden. Der Flughaf...

Porträt: Albert Ballin, Erfinder der modernen Kreuzfahrten

Porträt: Albert Ballin, Erfinder der modernen Kreuzfahrten

[caption id="attachment_165098" align="aligncenter" width="423"] Albert Ballin[/caption][responsivevoice_button voice="Deutsch Female" buttontext="Diesen Beitrag vorlesen"]Albert Ballin war ein Hamburger Reeder und eine der bedeutendsten jüdischen Persönlichkeiten in der Zeit des deutschen Kaiserreiches. Er machte als Generaldirektor die Hamburg-Amerikanische Packetfahrt-Actien-Gesellschaft (HAPAG) zur größten Schifffahrtslinie der Welt. Albert Ballin wurde als jüngstes von 13 Geschwistern 1857 in Hamburg geboren. Die Eltern jüdischen Glaubens waren aus Dänemark eingewandert, und sein V...

Schwerin, die Stadt der sieben Seen und Wälder

Schwerin, die Stadt der sieben Seen und Wälder

[caption id="attachment_160184" align="aligncenter" width="590"] Schwerin Castle - Parliament of Mecklenburg-Vorpommern © Kolossos[/caption][responsivevoice_button voice="Deutsch Female" buttontext="Diesen Beitrag vorlesen"]Schwerin ist die Landeshauptstadt von Mecklenburg-Vorpommern. Die kreisfreie Stadt ist nach Rostock zweitgrößte Stadt und eines der vier Oberzentren des Bundeslandes. Mit etwas weniger als 100.000 Einwohnern ist sie die kleinste deutsche Landeshauptstadt. Die Stadt dehnte sich im Laufe der Zeit am West- und Südufer des Schweriner Innensees aus, insgesamt befinden sich, ...

Return to Top ▲Return to Top ▲
View from Gaziantep Castle © flickr.com - Natalie Sayin/cc-by-2.0
Gaziantep in Südostanatolien

Gaziantep, auch kurz Antep genannt, ist eine Stadt in Südostanatolien und Hauptstadt der gleichnamigen Provinz. Mit circa 1,9 Mio. Einwohnern...

Ural River in Atyrau © Ds02006
Themenwoche Kasachstan – Atyrau

Atyrau ist eine Hafenstadt mit 200.000 Einwohnern. Sie ist Hauptstadt des gleichnamigen Gebiets Atyrau. Die Stadt liegt im nordwestlichen Teil...

Theatre © Iskanderov Damir/cc-by-3.0
Themenwoche Kasachstan – Öskemen

Öskemen ist die Hauptstadt des Gebiets Ostkasachstan. Öskemen hat 310.000 Einwohner. Die Stadt liegt im westlichen Teil des Altai-Gebirges an...

Schließen