Porträt: Voltaire, französischer Philosoph und Schriftsteller

Mittwoch, 19. August 2015 - 11:00 (CET/MEZ) Berlin | Author/Destination:
Category/Kategorie: Porträt

Voltaire by Nicolas de Largillière © Musée national du Château de Versailles

Voltaire by Nicolas de Largillière © Musée national du Château de Versailles

Voltaire (eigentlich François-Marie Arouet, * 21. November 1694 in Paris; † 30. Mai 1778 ebenda) war ein französischer Philosoph und Schriftsteller. Er ist einer der meistgelesenen und einflussreichsten Autoren der französischen und europäischen Aufklärung. In Frankreich nennt man das 18. Jahrhundert auch “das Jahrhundert Voltaires” (le siècle de Voltaire). Als Lyriker, Dramatiker und Epiker schrieb er in erster Linie für ein Publikum gebildeter Franzosen, als Erzähler und Philosoph für die gesamte europäische Oberschicht im Zeitalter der Aufklärung, deren Mitglieder für gewöhnlich die französische Sprache beherrschten und französische Werke zum Teil im Original lasen. Viele seiner Werke erlebten in rascher Folge mehrere Auflagen und wurden häufig auch umgehend in andere europäische Sprachen übersetzt. Voltaire verfügte über hervorragende Kenntnisse der englischen und der italienischen Sprache und veröffentlichte darin auch einige Texte. Er verbrachte einen beträchtlichen Teil seines Lebens außerhalb Frankreichs und kannte die Niederlande, England, Deutschland und die Schweiz aus eigener Erfahrung.

Mit seiner Kritik an den Missständen des Absolutismus und der Feudalherrschaft sowie am weltanschaulichen Monopol der katholischen Kirche war Voltaire ein Vordenker der Aufklärung und ein wichtiger Wegbereiter der Französischen Revolution. In der Darstellung und Verteidigung dessen, was er für richtig hielt, zeigte er ein umfangreiches Wissen und Einfühlungsvermögen in die Vorstellungen seiner zeitgenössischen Leser. Sein präziser und allgemein verständlicher Stil, sein oft sarkastischer Witz und seine Kunst der Ironie gelten oft als unübertroffen.

Voltaire war kein systembildender Denker, sondern ein “philosophe” im französischen Sinn, das heißt ein Autor, der sowohl belletristische als auch philosophische, historische und naturwissenschaftliche Schriften verfasste sowie publizistisch tätig war. Die dauerhafteste und letztlich weiteste Verbreitung fanden seine ab circa 1746 verfassten philosophischen Erzählungen (contes philosophiques), in welchen er zentrale Gedanken der Aufklärung auf undogmatische und unterhaltsame Weise einem breiteren Publikum näherbrachte. Er selbst hielt sich vermutlich in erster Linie für einen bedeutenden Dramatiker aufgrund seiner mehr als fünfzig Bühnenstücke, die teilweise sehr erfolgreich waren. Insbesondere die Tragödie Zaïre (1736) wurde mit großer Resonanz auch in Italien, Holland, England und Deutschland (1810 in Weimar von Goethe) aufgeführt, sie gehörte mehr als 200 Jahre lang zum festen Repertoire des Théâtre français. Auch von den Zeitgenossen wurde er als würdiger Nachfolger der großen Tragöden Pierre Corneille und Jean Racine anerkannt. Goethe übersetzte die Tragödien Mahomet und Tancrède. Bahnbrechend wirkte Voltaire als Begründer einer kulturhistorisch orientierten Geschichtsschreibung. Wissenschaftlich ambitioniert und gemeinverständlich geschrieben, eröffneten seine historiografischen Werke eine Tradition, die noch heute in Frankreich lebendig ist. Die Kleinschreibung in der französischen Schriftsprache geht ebenfalls auf ihn zurück. Er praktizierte sie als Erster konsequent in seinem Siècle de Louis XIV. Die Inschrift auf dem Sarkophag Voltaires im Panthéon (“POETE HISTORIEN PHILOSOPHE IL AGRANDIT L’ESPRIT HUMAIN ET LUI APPRIT QU’IL DEVAIT ETRE LIBRE” – Als Dichter, Historiker, Philosoph machte er den menschlichen Geist größer und lehrte ihn, dass er frei sein soll), die 1791 vermutlich von einem Mitglied der Académie des Inscriptions et Belles-Lettres formuliert und von dieser abgesegnet wurde, versucht sichtlich, die drei Hauptseiten seines Schaffens als etwa gleichgewichtig vorzustellen: die Belletristik, die Geschichtsschreibung, die Philosophie.

Quai Voltaire 27, where Voltaire died © Hermann Junghans/cc-by-sa-3.0-de Sarcophagus of Voltaire in the Pantheon © Hermann Junghans/cc-by-sa-3.0-de Voltaire by Nicolas de Largillière © Musée national du Château de Versailles Château de Voltaire © Brücke-Osteuropa Boulevard Voltaire © FLLL/cc-by-sa-3.0
<
>
Voltaire by Nicolas de Largillière © Musée national du Château de Versailles
Nicht mit erhobenem Zeigefinger, sondern mit Witz und Sarkasmus kritisierte Voltaire die Missstände seiner Zeit, aber auch persönliche Gegner. Meisterhaft beherrschte er hierbei insbesondere das Stilmittel der Ironie. Anerkennung erhielt er für die spielerische Eleganz seiner kürzeren Gedichte, die perfekten Verse und Reime seiner Tragödien und Epen sowie die Prägnanz seiner darstellenden Prosa. Auch in der Parodie ist Voltaire ein Meister. So parodiert die philosophische Erzählung Candide den Liebes-, Abenteuer- und Reiseroman seiner Zeit.

Voltaire hinterließ mit weit über 700 einzelnen Texten (die er zumindest in seinen späten Lebensjahren einem Sekretär diktierte) eines der umfangreichsten und umfassendsten Werke der Literatur- und Geistesgeschichte. Die Einzelheiten der Drucklegung und Veröffentlichung vieler Schriften sind, nicht zuletzt wegen der oft fast konspirativen Umstände, bis heute ungeklärt und nur unvollständig erforscht. Meilensteine der Bibliografie sind die Arbeiten und Werkverzeichnisse von Adrien-Jean-Quentin Beuchot, Georges Bengesco, Louis Moland und Theodore Besterman. Die derzeit maßgebliche Werkausgabe ist die seit 1968 im Erscheinen begriffene, von Theodore Besterman und ab 2000 von Nicholas Cronk herausgegebene vollständige Werkausgabe The complete works of Voltaire, am Institut et Musée Voltaire, Genève / Voltaire Foundation, Oxford.

Lesen Sie mehr auf Wikipedia Voltaire (Sicher Reisen - Die Reiseapp des Auswärtigen Amtes). Fotos von Wikimedia Commons. Wenn Sie eine Anregung, Kritik oder einen Hinweis zu dem Beitrag haben, freuen wir uns auf Ihre E-Mail an kommentar@wingsch.net. Nennen Sie dazu im Betreff bitte die Überschrift des Blogbeitrags, auf den sich Ihre E-Mail bezieht.



Das könnte Sie auch interessieren:

Schloss Rheinsberg in Brandenburg

Schloss Rheinsberg in Brandenburg

[caption id="attachment_169066" align="aligncenter" width="590"] Rheinsberg Palace on Lake Grienerik/Pelz-cc-by-sa-3.0[/caption][responsivevoice_button voice="Deutsch Female" buttontext="Diesen Beitrag vorlesen"]Schloss Rheinsberg liegt in der Gemeinde Rheinsberg, etwa 100 km nordwestlich von Berlin im Landkreis Ostprignitz-Ruppin. Das am Ostufer des Grienericksees gelegene Schloss gilt als Musterbeispiel des sogenannten Friderizianischen Rokokos und diente auch als Vorbild für Schloss Sanssouci. Wo sich heute das Schloss Rheinsberg befindet, stand im Mittelalter eine Wasserburg. Die Familie ...

Die Viermast-Stahlbark Pommern

Die Viermast-Stahlbark Pommern

[caption id="attachment_153002" align="aligncenter" width="572"] Museum ship Pommern © Mark A. Wilson[/caption][responsivevoice_button voice="Deutsch Female" buttontext="Diesen Beitrag vorlesen"]Die Pommern ist eine 1903 unter dem Namen Mneme gebaute stählerne Viermastbark (Windjammer) mit Jubiläumsrigg. Sie liegt heute als Museumsschiff im finnischen Mariehamn auf den Åland-Inseln. Die Mneme lief 1903 auf der Werft J. Reid & Co. im schottischen Glasgow für die Hamburger Reederei B. Wencke Söhne (1873-1906) vom Stapel, deren Tradition es war, ihre Schiffe nach griechisch-mytholog...

Bologna, die Hauptstadt der Region Emilia-Romagna

Bologna, die Hauptstadt der Region Emilia-Romagna

[caption id="attachment_151835" align="aligncenter" width="590"] Bologna Collage © DaniDF1995[/caption][responsivevoice_button voice="Deutsch Female" buttontext="Diesen Beitrag vorlesen"]Bologna ist eine Universitätsstadt mit 380.181 Einwohnern in Italien und ein bedeutender Verkehrsknotenpunkt. Sie liegt am Fuße des Apennin zwischen den Flüssen Reno und Savena und ist die Hauptstadt der Region Emilia-Romagna und der Provinz Bologna. Wahrzeichen der Stadt sind die zwei Türme, der „Torre Garisenda“ und der „Torre degli Asinelli“. Um 1300 erbaut, war letzterer mit seiner Höhe von 9...

Themenwoche Sylt - Keitum

Themenwoche Sylt - Keitum

[caption id="attachment_154292" align="aligncenter" width="590"] Friesenhaus from 1784 © Hajotthu/cc-by-sa-3.0[/caption][responsivevoice_button voice="Deutsch Female" buttontext="Diesen Beitrag vorlesen"]Keitum wurde im Jahr 1216 erstmals urkundlich erwähnt und gilt heute auf Grund seiner zahlreichen Alleen und des alten Baumbestandes als der grüne Ort der Insel. Südöstlich von Keitum erstreckt sich an der Küste des Wattenmeers das Grüne Kliff. Bis Mitte des 19. Jahrhunderts galt Keitum als Hauptort der Insel Sylt. Hier praktizierte der einzige Arzt der Insel und es gab die einzige Apot...

Themenwoche Balearische Inseln - Mallorca

Themenwoche Balearische Inseln - Mallorca

[caption id="attachment_152426" align="aligncenter" width="590"] Building of the Consell Insular - Palma de Mallorca © Olaf Tausch[/caption][responsivevoice_button voice="Deutsch Female" buttontext="Diesen Beitrag vorlesen"]Mallorca ist die größte Insel der Balearen-Gruppe, die zusammen mit den Pityusen als spanische Region eine autonome Gemeinschaft innerhalb des spanischen Staates bildet. Auf Mallorca befindet sich die Hauptstadt der Balearischen Inseln, Palma. Amtssprachen sind Katalanisch und Spanisch. Darüber hinaus ist Mallorca auch die größte zu Spanien gehörende Insel. Mallorca ...

Themenwoche Rom - Kolosseum und Trajansforum

Themenwoche Rom - Kolosseum und Trajansforum

[caption id="attachment_152607" align="aligncenter" width="590"] Colosseum © David Iliff[/caption][responsivevoice_button voice="Deutsch Female" buttontext="Diesen Beitrag vorlesen"]KOLOSSEUM Das Kolosseum ist das größte der im antiken Rom erbauten Amphitheater und der größte geschlossene Bau der römischen Antike. Zwischen 72 und 80 n. Chr. erbaut, ist es heute eines der Wahrzeichen der Stadt und zugleich ein Zeugnis für die hochstehende Baukunst der alten Römer. Das Kolosseum war nicht nur eine architektonische, sondern auch eine bis ins letzte durchdachte logistische Meisterleistung...

Return to Top ▲Return to Top ▲
Northern Mariana Islands map © Wikid77
Die Nördliche Marianen im Pazifik

Die Nördlichen Marianen, ein Teilgebiet der Inselgruppe der Marianen, sind ein Außengebiet der USA im Pazifischen Ozean, südlich von Japan...

Lenin's House, now hosts the Novosibirsk State Philarmony Hall © Skokian
Nowosibirsk, Sibiriens Chicago

Nowosibirsk ist nach Moskau und Sankt Petersburg die drittgrößte Stadt Russlands und die größte Stadt Sibiriens. Die Metropole der Oblast...

Orthodox church of St. Vasily from 1756 © Yarek shalom/cc-by-sa-3.0
Bełżec in Polen

Bełżec ist ein Dorf mit 2.600 Einwohnern im Powiat Tomaszowski in der Woiwodschaft Lublin in Polen. Es ist ebenfalls Sitz...

Schließen