Porträt: Vincent van Gogh, Begründer der modernen Malerei

Mittwoch, 24. Mai 2017 - 11:00 (CET/MEZ) Berlin | Author/Destination:
Category/Kategorie: Porträt

Vincent van Gogh signature

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Vincent Willem van Gogh war ein niederländischer Maler und Zeichner; er gilt als einer der Begründer der modernen Malerei. Nach gegenwärtigem Wissensstand hinterließ er 864 Gemälde und über 1000 Zeichnungen, die allesamt in den letzten zehn Jahren seines Lebens entstanden sind. Vincent van Gogh führte einen umfangreichen Briefwechsel, der eine Fülle von Hinweisen auf sein malerisches Werk enthält und selbst von literarischem Rang ist. Sein Hauptwerk, das stilistisch dem Post-Impressionismus zugeordnet wird, übte starken Einfluss auf nachfolgende Künstler aus, vor allem die Fauves und Expressionisten. Während er zu Lebzeiten nur wenige Bilder verkaufen konnte, erzielen seine Werke seit den 1980er Jahren bei Auktionen Rekordpreise.

Das später als eigenbrötlerisch beschriebene Kind besuchte zunächst die Dorfschule in Zundert. Mit elfeinhalb Jahren wurde er in ein Internat in Zevenbergen gegeben. Ab 1866 besuchte Vincent die Mittelschule in Tilburg, wo er wiederum fern der Familie wohnte. Dort lernte er Französisch, Englisch und Deutsch (später las er französische und englische Bücher in der Originalsprache und korrespondierte mit seinen Geschwistern auf Französisch), auch waren wöchentlich vier Stunden Zeichnen vorgesehen. Trotz guter Noten verließ er diese Schule bereits im März 1868 aus unbekanntem Grund. Die folgenden 15 Monate verbrachte er bei seinen Eltern; womit er sich dort beschäftigte, ist nicht belegt. Im Juli 1869 begann er nach einem Beschluss des Familienrats eine Ausbildung in der Den Haager Filiale der Kunsthandlung Goupil & Cie, der sein Onkel Cent als Teilhaber angehörte. Goupil war ein bedeutendes Unternehmen mit Niederlassungen in mehreren Hauptstädten. Vincent van Gogh lernte dort die etablierte Kunst kennen und beurteilen. Hier wie auch an seinen späteren Einsatzorten besuchte er eifrig die örtlichen Museen. Nach dem Ende seiner Ausbildung wurde er im Sommer 1873 in die Londoner Filiale versetzt, wo Goupil allerdings nur ein Lager unterhielt. Fern von seinen Verwandten fühlte sich Vincent van Gogh einsam. In seiner Freizeit machte er lange Wanderungen durch die Stadt und ihre Umgebung, wobei er auch Zeichnungen anfertigte. In diese Zeit fiel eine unglückliche Liebe zur Tochter seiner Vermieterin. Die Enttäuschung über die Zurückweisung durch die junge Frau hatte er noch Jahre später nicht verwunden. Während eines Urlaubs bei den Eltern im Sommer 1874 fiel diesen seine Niedergeschlagenheit auf. Um ihn aus den Londoner Verhältnissen zu lösen, wurde beschlossen, ihn nach Paris versetzen zu lassen. Von Januar bis April 1875 wohnte van Gogh noch einmal kurzzeitig in London, um dann endgültig nach Paris zu ziehen. Dort kapselte er sich zunehmend ab und zeigte auch im Dienst ein auffälliges Verhalten. Immer stärker wandte er sich der Religion zu; er las nur noch in der Bibel und in Erbauungsbüchern. Nachdem er zu Weihnachten 1875 – offenbar unerlaubt – nach Hause gefahren war, legte sein Vorgesetzter ihm eine Kündigung zum April 1876 nahe, die van Gogh dann auch aussprach. Der Hauptgrund für die Kündigung scheinen seine Probleme im Umgang mit Kunden gewesen zu sein; Vincent van Gogh, der jede Heuchelei verabscheute, war als Verkäufer denkbar ungeeignet. Während der folgenden dreieinhalb Jahre versuchte er sich erfolglos in unterschiedlichen Berufen. Im Herbst 1880 entschied er sich im Alter von 27 Jahren, Maler zu werden.

Ab Mitte 1880 kam der vier Jahre jüngere Bruder Theo für Vincent van Goghs Lebensunterhalt auf. Theo war ebenfalls bei Goupil eingetreten und leitete nun eine Pariser Filiale der Kunsthandlung. Einer Vereinbarung gemäß erhielt er als Gegenleistung einen Großteil von Vincents Gemälden, die dieser ihm regelmäßig nach Paris schickte. Obwohl die Unterstützung keineswegs gering bemessen war, lebte Vincent van Gogh von nun an in ständiger Geldnot. Offenbar konnte er mit Geld nicht umgehen; auch berichten Zeitgenossen, dass er Bedürftige freigebig beschenkte. Theo war darüber hinaus sein Vertrauter, seine wichtigste Bezugsperson und sein – wenn auch wenig erfolgreicher – Kunsthändler. Der umfangreiche Briefwechsel, den die Brüder ab 1872 führten, ist eine wichtige Quelle der Van-Gogh-Forschung. In einem Brief an seine künftige Frau charakterisierte Theo van Gogh 1889 den Bruder: “Wie Du weißt, hat er seit langem mit allem, was man Konventionen nennt, gebrochen. Seine Art sich zu kleiden und seine Allüren lassen sofort erkennen, dass er ein besonderer Mensch ist, und seit Jahren sagt, wer seiner ansichtig wird: ‚Das ist ein Verrückter.‘ […] Schon in seiner Art zu sprechen liegt etwas, um dessentwillen man entweder sehr viel von ihm hält oder aber ihn nicht ausstehen kann. […] Es ist ihm nicht möglich, mit jemandem auf eine gleichgültige Weise zu verkehren.”

Vincent van Goghs frühen Arbeiten ist kaum anzumerken, dass er einmal ein bedeutender Maler werden sollte. Er wollte lernen und eignete sich das Nötigste autodidaktisch an, zeichnete nach Lehrbüchern und kopierte von ihm bewunderte Zeichnungen und Drucke. Um in Kontakt mit Kunst und Künstlern zu kommen, zog er im Oktober 1880 nach Brüssel, wo er sein Selbststudium fortsetzte. Dass er, wie gelegentlich angemerkt, die dortige Kunstakademie jemals besuchte, ist nicht eindeutig belegt (er war allerdings eingeschrieben). In Brüssel traf er Anthon van Rappard, mit dem er sich über künstlerische Fragen austauschte, der ihn unterrichtete, ihn in den folgenden Jahren mehrmals besuchte und mit dem er längere Zeit brieflich in Kontakt stand. Nachdem Rappard Brüssel verlassen hatte, kehrte van Gogh im April 1881 (wohl auch aus wirtschaftlichem Grund) ins Elternhaus nach Etten zurück. Dort zeichnete er wieder – neben Landschaftsmotiven der Umgebung – hauptsächlich bäuerliche Arbeiten und Arbeiter. Im Sommer verliebte er sich in seine Cousine Kee Voss, die zu Besuch gekommen war. Trotz abschlägiger Antwort setzte van Gogh sein Werben beharrlich fort, was zur Konfrontation mit Eltern und Verwandten führte. Da Vincents Verhältnis zur Familie ohnedies angespannt war entstand ein Streit, der kurz nach Weihnachten 1881 mit seinem Auszug endete. Van Gogh hatte bereits im November/Dezember 1881 vier Wochen bei dem angeheirateten Cousin Anton Mauve in Den Haag verbracht, dessen Arbeiten er höchst schätzte und der ihn in die Aquarell- und Ölmalerei eingeführt hatte. Nach dem Hinauswurf aus dem Elternhaus siedelte van Gogh nach Den Haag über und setzte die Unterweisungen bei Mauve fort, jedoch bloß für wenige Wochen – neben künstlerischen Meinungsverschiedenheiten war auch die gesellschaftlich inakzeptable Liaison van Goghs mit seinem Modell Sien, der Gelegenheitsprostituierten Clasina Hoornik, ein wesentlicher Grund für die Trennung von seinem Lehrer. Diese Beziehung hatte auch den Druck seitens der Familie verstärkt (nicht einmal Theo unterstützte ihn diesbezüglich, auch konnte dieser nicht den Unterhalt einer ganzen Familie finanzieren, Sien hatte eine vierjährige Tochter und gebar 1882 den Sohn Willem, und das Zusammenleben gestaltete sich demgemäß bald schwierig). Im Herbst 1883 trennte van Gogh sich von Sien, durchaus im Bewusstsein, für die Zukunft auf eine eigene Familie zu verzichten: “Wir stehen jetzt vor dieser Tatsache – meinem festen Vorsatz, tot zu sein für alles, außer für meine Arbeit.” Von diesem Zeitpunkt an beschränkte van Gogh sich auf leichtlebige oder für ein Geringes käufliche Frauen. Nach der Trennung von Sien zog er im September in die nordniederländische Provinz Drente, eine Heide- und Moorlandschaft, die wegen ihrer malerischen Atmosphäre von Künstlern wie etwa Max Liebermann geschätzt wurde. Im Dezember kehrte er zu seinen inzwischen in Nuenen lebenden Eltern zurück, die ihn eher halbherzig aufnahmen. Nachdem am 26. März 1885 der Vater gestorben war, zog van Gogh in sein nahe gelegenes Atelier um. Während der zwei Jahre, die der Maler in Nuenen verbrachte, entstanden über 180 Gemälde, vor allem Bilder von Bauern aus der Umgebung, aber auch zahlreiche Stillleben. Ab Ende 1884 hatte er vier Amateure aus dem nahen Eindhoven als Schüler, die ihn jedoch nicht mit Geld, sondern mit Mahlzeiten und Farben bezahlten. 1885 schuf er Die Kartoffelesser, das als Hauptwerk geltende Gemälde dieser Periode. Der Künstler litt jedoch in der Provinz unter seiner Isolation. Die für ihn nächstgelegene Kunststadt war Antwerpen, wohin er im November 1885 aufbrach.

Vincent van Gogh at the Hot Air Balloon Festival in Joure © Dominicus Johannes Bergsma/cc-by-sa-4.0 Vincent van Gogh signature Auberge Ravoux, where Vincent van Gogh spent his final months and where he died. It is now a restaurant © Jean-no/cc-by-sa-3.0 Graves of Vincent and Théodore Van Gogh in Auvers-sur-Oise © Héric SAMSON/cc-by-sa-3.0 Van Gogh Self-Portrait with Straw Hat/1887 © Metropolitan Museum of Art Van Gogh Museum © Warrox/cc-by-2.5
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Auberge Ravoux, where Vincent van Gogh spent his final months and where he died. It is now a restaurant © Jean-no/cc-by-sa-3.0
Drei Monate sollte Vincent van Gogh in Antwerpen bleiben. Bald stellte sich Geldnot ein. Der Maler sparte lieber am Essen als an Malmaterialien; in seinen Briefen klagte er über gesundheitliche Probleme und Schwäche infolge der mangelhaften Ernährung. Hauptsächlich weil ihm dort Modelle und geheizte Räume kostenlos zur Verfügung standen, besuchte der nun 32-Jährige Kurse an der Kunstakademie. Von ehemaligen Mitstudenten sind Berichte überliefert, die ihn wiederum als Sonderling und Außenseiter beschreiben. Als an der Akademie im März 1886 die Ferien begannen, fuhr van Gogh zu seinem Bruder Theo nach Paris, dem damaligen Zentrum der Kunstwelt. Nicht ohne Bedenken nahm Theo den Bruder in seiner Wohnung auf. Tatsächlich sollte das zweijährige Zusammenleben der beiden von Höhen und Tiefen geprägt sein. Auf Dauer aber waren das hektische Großstadtleben und die häufigen Streitereien unter den Malern, auch dass man ihm verboten hatte, auf der Straße zu malen, für ihn unerträglich. Er beschloss, die Stadt zu verlassen, worüber er später an Theo schrieb: “[…] als ich auf der Gare du Midi von Dir wegfuhr, war ich todunglücklich und beinah krank und beinah ein Säufer, weil ich mich so kaputtgemacht hatte.” Im Februar 1888 reiste er in das südfranzösische Arles. Aus mehreren Gründen hatte van Gogh sich für Südfrankreich entschieden. Zum einen wollte er dem nördlichen Winter entgehen, zum anderen hoffte er, hier die „blauen Töne und heiteren Farben“ des Südens zu finden. Ursprünglich war Arles nur als Zwischenstation auf dem Weg nach Marseille gedacht gewesen, wo er für Theo kunsthändlerisch tätig werden wollte; dieser Plan wurde jedoch nicht ausgeführt. Van Gogh lebte zunächst in einer Pension. Im April mietete er ein Atelier im Gelben Haus, wo er ab September auch wohnte. In künstlerischer Hinsicht war der Arleser Aufenthalt besonders produktiv; in sechzehn Monaten schuf van Gogh 187 Gemälde.

Im Frühjahr 1890 zog er nach Auvers-sur-Oise. In Auvers fiel der Maler in einen wahren Schaffensrausch. In 70 Tagen schuf er rund 80 Gemälde und 60 Zeichnungen. Das noch ländliche Auvers mit seinen strohgedeckten Hütten bot ihm zahlreiche Motive. Er malte die Häuser des Dorfes, seine Kirche und die Porträts einiger Bewohner, darunter auch das seines Arztes Dr. Gachet und dessen Tochter. Am 6. Juli besuchte er den Bruder und dessen Familie in Paris, wo es offenbar, wie schon beim vorherigen Mal, zu häuslichen Auseinandersetzungen kam. Niedergedrückt fuhr der Maler noch am gleichen Abend zurück. Unter anderem malte er nun die Auvers umgebenden Kornfelder in regnerischer Stimmung. Am 27. Juli schoss van Gogh sich im Freien eine Kugel in die Brust (nach anderer Darstellung: in den Bauch), konnte aber noch zum Gasthof zurückkehren. Über die Beweggründe zu der Tat wurde viel spekuliert: Möglich ist, dass er nun, da Theo Familienvater war, um dessen ungeteilte Zuwendung fürchtete und zudem dem Bruder in der unsicheren beruflichen Situation finanziell nicht länger zur Last fallen wollte; möglicherweise sollte der Tod auch eine Preissteigerung seiner Bilder zugunsten Theos bewirken. Als Motiv wäre ebenfalls denkbar, dass eine sich anbahnende Liebesbeziehung zur 21-jährigen Tochter Gachets durch deren Vater verboten worden war. Nicht auszuschließen ist außerdem, dass es sich bei dem Schuss um einen Hilfeschrei ohne wirkliche Tötungsabsicht handelte. Einer jüngsten Theorie zufolge soll van Gogh allerdings nicht Selbstmord begangen haben, sondern Opfer eines Unfalls geworden sein. Die beiden herbeigerufenen Ärzte verzichteten darauf, die Kugel zu entfernen. Vincent van Gogh starb am 29. Juli im Beisein seines Bruders. Er ist an der Seite Theos, der ihn nur um ein halbes Jahr überlebte, auf dem Friedhof von Auvers begraben. Als Vincent van Gogh starb, hatte er sich in Kreisen der künstlerischen Avantgarde bereits einen Namen gemacht. In seinem letzten Lebensjahr waren seine Bilder auf drei Ausstellungen vertreten. Camille Pissarro und Claude Monet hatten sich anerkennend über ihn geäußert, und in der literarischen Zeitschrift Mercure de France war 1890 ein ausführlicher Artikel erschienen. Am Anfang des 20. Jahrhunderts hatte seine Kunst sich bereits so weit durchgesetzt, dass große Gedächtnisausstellungen stattfanden, so 1901 in Berlin und Paris, 1905 ebenfalls in Paris sowie in Amsterdam, 1912 in Köln.

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