Porträt: Der Architekt und Gründer des Bauhauses Walter Gropius

Mittwoch, 24. Juli 2019 - 11:00 (CET/MEZ) Berlin | Author/Destination:
Category/Kategorie: Architektur, Porträt, UNESCO-Welterbe

Walter Gropius in Ulm, 1955 © Hans G. Conrad - René Spitz/cc-by-sa-3.0-de

Walter Gropius in Ulm, 1955 © Hans G. Conrad – René Spitz/cc-by-sa-3.0-de

Walter Adolf Georg Gropius war ein deutscher (seit 1944 US-amerikanischer) Architekt und Gründer des Bauhauses. Neben Ludwig Mies van der Rohe, Frank Lloyd Wright und Le Corbusier gilt er als Mitbegründer der Modernen Architektur.

1903 begann Gropius ein Architekturstudium an der Technischen Hochschule München, das er ab 1906 an der Technischen Hochschule Charlottenburg fortsetzte, 1908 aber ohne Diplom abbrach. Nach eigenem Bekunden war er insbesondere mit den zeichnerischen Anforderungen überfordert und war schon früh auf die Unterstützung durch Helfer angewiesen. Im selben Jahr trat er durch Vermittlung von Karl Ernst Osthaus in das Büro von Peter Behrens ein, in dem neben ihm auch andere später berühmt gewordene Architekten gearbeitet hatten, unter anderem Ludwig Mies van der Rohe und Le Corbusier. Bei Behrens wurde er zunächst mit der Bauleitung in den Projekten Haus Cuno und Haus Schröder in Hagen betraut, deren Aufträge Osthaus in das Büro gebracht hatte. Seine weitere Rolle im Büro Behrens bezeichnete Gropius rückblickend in einem Brief an Herta Hesse vom 8. Mai 1969 als “Faktotum”, was laut Nerdinger wiederum bestätige, dass er aufgrund seiner “Unfähigkeit, auch nur das Einfachste auf Papier zu bringen” mit anderen Aufgaben betraut war als mit Zeichnen. Nach zweijähriger Mitarbeit bei Behrens machte sich Gropius 1910 als Industriedesigner und Architekt selbständig, blieb aber zeitlebens auf die Unterstützung zeichnerisch begabter Mitarbeiter angewiesen. Im selben Jahr kam er durch Karl Ernst Osthaus zum Deutschen Werkbund. Für das von Osthaus mit der Unterstützung des Werkbunds gegründete Deutsche Museum für Kunst in Handel und Gewerbe organisierte er 1912 eine Sammlung vorbildlicher Entwürfe für Fabrikwaren. Als Formgestalter entwarf er Inneneinrichtungen, Tapeten, Serienmöbel, Autokarossen und eine Diesellokomotive. Seine erste bedeutende architektonische Arbeit war das Fagus-Werk in Alfeld an der Leine, das er zusammen mit Adolf Meyer baute. Dieser Fabrikbau gilt mit seiner Stahl- und Glasarchitektur als richtungsweisendes Werk der später sogenannten „Modernen Architektur“, die in den 1920er-Jahren unter der Bezeichnung “Neues Bauen” oder “Neue Sachlichkeit” zum allgemeinen Begriff wurde. Das Fagus-Werk wurde im Juni 2011 von der UNESCO zum Weltkulturerbe erklärt. Für die Ausstellung des Deutschen Werkbundes 1914 in Köln baute Gropius mit Meyer zusammen eine Musterfabrik, die sich später ebenfalls als bedeutender Beitrag zur modernen Architektur erweisen sollte. Die Besonderheit dieses Baus waren rund verglaste Treppentürme, die als neues gestalterisches Motiv später, in den 1920er-Jahren, bei Erich Mendelsohn in seinen Warenhäusern häufige Verwendung fanden.

Während des Ersten Weltkrieges diente Gropius als Unteroffizier der Reserve. Er wurde während seines vierjährigen Einsatzes an der Westfront schwer verwundet und bekam das Eiserne Kreuz verliehen. Während der Novemberrevolution engagierte sich Gropius im Arbeitsrat für Kunst, einer an die Rätebewegung angelehnten Vereinigung revolutionärer Künstler. Die Gruppe ging vom “Primat der Architektur” aus, forderte die Niederreißung aller Kriegerdenkmäler und sah Kunst als Mittel zur Revolutionierung der Gesellschaft. Gropius gehörte seit März 1919 mit Adolf Behne und César Klein zu ihrer dreiköpfigen Leitungsschicht. Die Gruppe löste sich 1921 auf.

Walter Gropius in Ulm, 1955 © Hans G. Conrad - René Spitz/cc-by-sa-3.0-de Walter Gropius and Harry Seidler in Sydney, 1954 © Max Dupain - National Library of Australia Walter Gropius, 1919 © Louis Held - museum-digital.de
<
>
Walter Gropius and Harry Seidler in Sydney, 1954 © Max Dupain - National Library of Australia
Bekannter wurde Gropius’ Engagement in einer anderen künstlerischen Bewegung – er wurde zum Begründer des Bauhauses. Gropius wurde 1919 auf Vorschlag Henry van de Veldes als dessen Nachfolger zum Direktor der Großherzoglich-Sächsischen Hochschule für Bildende Kunst in Weimar (Thüringen) ernannt und gab der neuen Schule den Namen “Staatliches Bauhaus in Weimar”. Er hatte das Amt des Direktors (zunächst in Weimar bis 1926 und danach in Dessau) inne. Sein Nachfolger wurde 1928 der Schweizer Architekt Hannes Meyer, der 1930 wieder ausschied und sein Betätigungsfeld für die nächsten sechs Jahre in die Sowjetunion verlegte. Ludwig Mies van der Rohe führte das Bauhaus bis zur Schließung in der Frühzeit des Nationalsozialismus 1933. Ab 1926 beschäftigte Gropius sich intensiv mit dem Massenwohnbau als Lösung der städtebaulichen und sozialen Probleme und trat für die Rationalisierung des Baugewerbes ein. Dabei konnte er unter anderem auf Vorarbeiten von Martin Wagner zurückgreifen, der schon 1918 erste Anregungen zur “Übernahme der amerikanischen Rationalisierungsmethoden auf das deutsche Bauwesen” veröffentlicht hatte. Mit der Siedlung “Am Lindenbaum” (1929/1930) war Gropius auch einer der Architekten am Projekt Neues Frankfurt. Er entwarf zahlreiche Wohnbauprojekte wie die Siedlung Dessau-Törten (1926–1931), Dammerstock (1928/1929), Wohnblocks in der Siemensstadt in Berlin (1929/1930) und das Projekt Wannsee-Uferbebauung, ebenfalls in Berlin (1930/1931). Walter Gropius war im Jahr 1927 zusammen mit Erwin Piscator Mitbegründer des Projektes eines Totaltheaters, das die Aufhebung der räumlichen Trennung zwischen Schauspielern und Zuschauern zum Ziel hatte. Ab 1928 war er als selbständiger Architekt in Berlin tätig. Kurzzeitig arbeitete Marianne Brandt 1929 als Innenarchitektin in seinem Büro. 1930 organisierte er mit anderen “Bauhäuslern” die staatlich geförderte Werkbundausstellung zum Thema “Die Wohnung” in Paris.

1934 emigrierte Gropius nach Angriffen der Nationalsozialisten auf das Bauhaus als der „Kirche des Marxismus“ nach England und 1937 weiter in die USA nach Cambridge, wo er als Professor für Architektur an der “Graduate School of Design” der Harvard University tätig war. 1938 zog er in sein neu errichtetes Wohnhaus in Lincoln, Massachusetts, das heute unter der Bezeichnung Gropius House als National Historic Landmark im National Register of Historic Places eingetragen und der Öffentlichkeit als Museum zugänglich ist. Von 1941 bis 1948 arbeitete Gropius eng mit Konrad Wachsmann zusammen, der durch das Haus Dr. Estrich und das Einsteinhaus Caputh seine Karriere als freier Architekt begann. Sie entwickelten und produzierten unter anderem das bekannte General-Panel-System.

1946 gründete Gropius die Gruppe The Architects Collaborative, Inc. (TAC) als Vereinigung junger Architekten, die für ihn zugleich ein Manifest seines Glaubens an die Bedeutung der Teamarbeit werden sollte. Ein Werk dieses Teams ist das Graduate Center der Harvard University in Cambridge (1949/1950). Sein Buch Architektur – Wege zu einer optischen Kultur ist ein Plädoyer für Kreativität und Teamarbeit im Dienste der Gesellschaft. In seinen letzten Lebensjahren war Gropius wieder häufig in Berlin tätig, wo er unter anderem 1957 im Rahmen der Interbau einen neungeschossigen Wohnblock im Hansaviertel errichtete. Die konkave Südfront und das offene Erdgeschoss gelten bei diesem Gebäude als typisches Beispiel einer “späten Moderne”. Anfang der 1960er Jahre setzte sich Gropius für den Erhalt des ehemaligen Kunstgewerbemuseums Berlin ein, das sein Großonkel Martin Gropius entworfen hatte. Das Gebäude wurde 1966 unter Denkmalschutz gestellt. Den späteren Wiederaufbau bis hin zur neuen Nutzung erlebte er nicht mehr.

Lesen Sie mehr auf dhm.de – Walter Gropius, bauhaus100.de – Walter Gropius und Wikipedia Walter Gropius (Sicher Reisen - Die Reiseapp des Auswärtigen Amtes). Fotos von Wikimedia Commons. Wenn Sie eine Anregung, Kritik oder einen Hinweis zu dem Beitrag haben, freuen wir uns auf Ihre E-Mail an kommentar@wingsch.net. Nennen Sie dazu im Betreff bitte die Überschrift des Blogbeitrags, auf den sich Ihre E-Mail bezieht.




Das könnte Sie auch interessieren:

Diesen Beitrag teilen: (Vor Nutzung der Button Datenschutzregelungen beachten)

Themenwoche Neuseeland - Die Hen and Chicken Islands

Themenwoche Neuseeland - Die Hen and Chicken Islands

[caption id="attachment_153673" align="aligncenter" width="590"] Panorama of the Hen (right) and Chicken Islands and Sail Rock (left) © Glenn h/cc-by-sa-3.0[/caption][responsivevoice_button voice="Deutsch Female" buttontext="Diesen Beitrag vorlesen"]Die Hen and Chickens Islands sind eine Inselgruppe östlich der North Auckland Peninsula vor der Küste der Nordinsel Neuseelands. Sie liegen etwa 12 km östlich von Bream Head und 40 km südöstlich von Whangarei. Die Inseln erhielten ihren englischen Namen von James Cook, der sie 1769 sichtete. Vermutlich war der Name von dem damaligen N...

[ read more ]

Córdoba und Al-Andalus - Multikulti im Mittelalter

Córdoba und Al-Andalus - Multikulti im Mittelalter

[caption id="attachment_151077" align="aligncenter" width="590"] Gardens of the Alcázar de los Reyes Cristianos © Jebulon[/caption][responsivevoice_button voice="Deutsch Female" buttontext="Diesen Beitrag vorlesen"]Córdoba ist die Hauptstadt der Provinz Córdoba und die drittgrößte Stadt Andalusiens. Córdoba liegt am Fluss Guadalquivir. Die Stadt gilt als eine der touristischen Sehenswürdigkeiten Spaniens. Seit 1984 gehört die Altstadt zum UNESCO-Weltkulturerbe. Vor allem im Frühling gibt es in Córdoba etliche Volksfeste, die Ferias. Das bekannteste ist die Feria de Mayo, die...

[ read more ]

La Spezia in Ligurien

La Spezia in Ligurien

[caption id="attachment_153267" align="aligncenter" width="590"] L'arsenale © William Domenichini/cc-by-sa-3.0[/caption][responsivevoice_button voice="Deutsch Female" buttontext="Diesen Beitrag vorlesen"]La Spezia ist eine Stadt in der norditalienischen Region Ligurien und Hauptstadt der gleichnamigen Provinz. Mit 95.000 Einwohnern ist La Spezia die zweitgrößte Gemeinde der Region, nach der Regionalhauptstadt Genua. Die Stadt liegt am östlichen Ende der Riviera di Levante und der Region Ligurien, wenige Kilometer von der Regionalgrenze zur Toskana entfernt. Sie liegt an einem tiefen Naturg...

[ read more ]

Banff Springs Hotel

Banff Springs Hotel

[caption id="attachment_167535" align="aligncenter" width="590"] © Kim Payant/cc-by-sa-3.0[/caption][responsivevoice_button voice="Deutsch Female" buttontext="Diesen Beitrag vorlesen"]Das Banff Springs Hotel ist ein ehemaliges Eisenbahnhotel der Canadian Pacific Railway im Nationalpark von Banff, Alberta in Kanada. Ein erstes, aus Holz gebautes Luxushotel wurde 1887–88 von der Bahnverwaltung errichtet, brannte aber 1926 nieder und wurde 1928 durch den jetzigen Bau im schottischen Burgenstil ersetzt. Das spektakulär in den Rocky Mountains gelegene Luxushotel gehörte lange zur Gruppe der Ca...

[ read more ]

Die Universitätsstadt Münster

Die Universitätsstadt Münster

[caption id="attachment_160521" align="aligncenter" width="590"] Bronze model of the inner city of Münster © Florian Adler[/caption][responsivevoice_button voice="Deutsch Female" buttontext="Diesen Beitrag vorlesen"]Die kreisfreie Stadt Münster (niederdeutsch Mönster) in Westfalen ist Sitz des gleichnamigen Regierungsbezirks im Bundesland Nordrhein-Westfalen und zugleich Oberzentrum des Münsterlandes. Von 1815 bis 1946 war Münster Hauptstadt der damaligen preußischen Provinz Westfalen. Die Stadt an der Münsterschen Aa liegt zwischen Dortmund und Osnabrück im Zentrum des Münsterlandes...

[ read more ]

Themenwoche Israel - Abu Ghosh

Themenwoche Israel - Abu Ghosh

[caption id="attachment_165392" align="aligncenter" width="590"] Entrance to Church of the Resurrection © JDesplats/cc-by-sa-4.0[/caption][responsivevoice_button voice="Deutsch Female" buttontext="Diesen Beitrag vorlesen"]Abu Gosch ist ein arabisches Dorf mit rund 7000 Einwohnern, das etwa 10 Kilometer westlich von Jerusalem direkt nördlich der Nationalstraße 1 Richtung Tel Aviv liegt. Von Abu Gosch aus soll Richard Löwenherz erstmals Jerusalem erblickt haben. Die Kreuzfahrer definierten Abu Gosch als den biblischen Ort Emmaus und erbauten hier die heute noch bestehende und genutzte Aufers...

[ read more ]

Duschanbe, Hauptstadt von Tadschikistan

Duschanbe, Hauptstadt von Tadschikistan

[caption id="attachment_192990" align="aligncenter" width="590"] Dushanbe Presidential Palace © VargaA/cc-by-sa-4.0[/caption][responsivevoice_button voice="Deutsch Female" buttontext="Diesen Beitrag vorlesen"]Duschanbe (wörtlich "zwei Samstag", gemeint "zweiter Tag nach Samstag", also "Montag") ist die Hauptstadt Tadschikistans und mit etwa 803.000 Einwohnern auch die größte Stadt des Landes. Es ist politischer, kultureller und wirtschaftlicher Mittelpunkt des Landes und Sitz zahlreicher Universitäten und Hochschulen. Duschanbe liegt in Zentralasien auf etwa 800 m Höhe im dicht b...

[ read more ]

Santa Maria di Castellabate in Süditalien

Santa Maria di Castellabate in Süditalien

[caption id="attachment_160741" align="aligncenter" width="590"] Santa Maria di Castellabate Panorama © Matthias Holländer[/caption][responsivevoice_button voice="Deutsch Female" buttontext="Diesen Beitrag vorlesen"]Santa Maria di Castellabate ist ein italienischer Küstenort im Cilento mit etwa 4.000 Einwohnern. Er ist ein Ortsteil der Gemeinde Castellabate in der Provinz Salerno in Kampanien. Seit 1991 ist der Ort Bestandteil des Nationalpark Cilento und Vallo di Diano sowie Mitglied der Costiera Cilentana. Santa Maria di Castellabate ist ein Ortsteil von Castellabate und grenzt im...

[ read more ]

Return to Top ▲Return to Top ▲
East Lake © gugganij/cc-by-sa-3.0
Themenwoche China – Wuhan

Wuhan ist eine Unterprovinzstadt und die Hauptstadt der Provinz Hubei in der Volksrepublik China. In der Innenstadt – dem geografischen...

Dover - Brexit by Banksy © Paul Bissegger/cc-by-sa-4.0
Die Europäische Union: Der Brexit

(Letzte Ergänzung: 14.12.2019) Der Brexit, der nicht einmal rechtlich bindend, sondern bestenfalls als Empfehlung (insofern hat das Brexit-Votum in etwa...

Giant Panda © flickr.com - Chen Wu/cc-by-2.0
Themenwoche China

Die Volksrepublik China, allgemein als China bezeichnet, ist ein am 1. Oktober 1949 gegründeter sozialistischer Staat in Ostasien. Mit rund...

Schließen