Île de Gorée

Mittwoch, 5. August 2020 - 11:00 (CET/MEZ) Berlin | Author/Destination:
Category/Kategorie: Allgemein, UNESCO-Welterbe

© Inextre/cc-by-sa-3.0-es

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Gorée (aus niederländisch: Goede Reede – “Sicherer Hafen”) ist eine Insel vor der Küste Senegals, zu dessen Gebiet sie gehört. Sie wurde bekannt als Symbol für die Verschleppung von Sklaven über den Atlantik. In welchem Umfang der Sklavenhandel über Gorée betrieben wurde, wird unterschiedlich eingeschätzt. Unabhängig davon ist die Insel mit der Maison des Esclaves (“Sklavenhaus”) zum Erinnerungsort für den Sklavenhandel geworden. Seit 1978 steht die Insel als Weltkulturerbe unter dem besonderen Schutz der UNESCO. Gorée gilt als wichtigste touristische Destination Senegals. Hier wird unter anderem Fischfang auf traditionelle Weise ausgeübt. Gorée ist eine autofreie Insel, es gibt keine gepflasterten Straßen.

Die Insel Gorée erstreckt sich auf 36 Hektar, ist in Nord-Süd-Richtung etwa einen Kilometer lang und 300 Meter breit. Sie befindet sich vor dem offenen Atlantik geschützt in einer Bucht hinter Cap Manuel, das die Südspitze der Cap-Vert-Halbinsel bildet. Die Insel liegt etwa drei Kilometer südöstlich der Hafeneinfahrt der senegalesischen Hauptstadt Dakar. Der Inselhafen Gorée liegt auf der Nordostseite und kann über die Personenfähre Coumba Castel vom Hafen Dakars aus erreicht werden.

Der ursprüngliche Name war Barsaguiche. Im Jahr 1444 wurde die Insel von Portugal unter Kapitän Dinis Diaz besetzt und erhielt den Namen Ilha de Palma. Angeblich hatte Christoph Kolumbus bei einer seiner Überfahrten nach Amerika einen Aufenthalt auf Gorée, dieses ist jedoch eher unwahrscheinlich. Die Niederländische Westindienkompanie erwarb die Insel 1617 von dem König Betam und benannte sie nach der südholländischen Insel Goeree (heute mit Overflakkee zu Goeree-Overflakkee verschmolzen). Im Zuge der Kampfhandlungen, die schließlich in den Zweiten Englisch-Niederländischen Krieg führten, wurde Goeree am 23. Januar 1663 von den Engländern unter Robert Holmes erobert. Am 11. Oktober 1664 eroberten die Niederländer unter Michiel de Ruyter die Insel wieder zurück. Im Dritten Englisch-Niederländischen Krieg ging sie den Niederländern endgültig verloren, als sie am 1. November 1677 von den mit den Engländern verbündeten Franzosen unter d’Estrées erobert und in die Kolonie Senegal eingegliedert wurde. Die Engländer bestritten die Rechtmäßigkeit des französischen Besitzes. Am 4. Februar 1693 eroberten sie Gorée für vier Monate. Weitere Besetzungen durch die Engländer waren 1758–1763, 1779–1783, 1800–1804 und (nach zweimonatiger französischer Rückeroberung) 1804–1817. Insgesamt wechselte die Insel 17-mal den Besitzer. Vom 1. November 1854 bis zum 26. Februar 1859 wurde Gorée aus dem Senegal ausgegliedert und war Teil der Kolonie Gorée et dépendances. Zum Ende des 19. Jahrhunderts wurde die Stadt Gorée auf der gleichnamigen Insel als gut gebaut beschrieben und hatte damals ein altes, von den Engländern errichtetes Fort mit einer Besatzung von 200 französischen Soldaten, große Warenlager und (1879) 2956 Einwohner. Aus dem 18. und 19. Jahrhundert sind zahlreiche Kolonialbauten bis heute erhalten.

Gorée with Dakar in the background © Remi Jouan/cc-by-3.0 © flickr com - John Crane/cc-by-2.0 © Gregor Rom/cc-by-sa-4.0 © HaguardDuNord/cc-by-sa-3.0 House of Slaves with Portal of Sorrow/Door of No Return © flickr.com - Robin Elaine/cc-by-2.0 © Inextre/cc-by-sa-3.0-es Portal of Sorrow/Door of No Return © flickr.com - Wandering Angel/cc-by-2.0 Harbor of Goree © Delphine Bruyère/cc-by-sa-3.0
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House of Slaves with Portal of Sorrow/Door of No Return © flickr.com - Robin Elaine/cc-by-2.0
Der historische Ruf der Insel, bedeutender Ort der Sklavenverschiffung nach Amerika gewesen zu sein, gilt spätestens seit 2006 durch die Arbeit von Jean Luc Angrand “Céleste ou le temps des Signares” als widerlegt. Bis 1996 galt das Maison des Esclaves als größte touristische Attraktion, das letzte noch erhaltene Sklavenhaus, das 1776–1778 errichtet worden sein soll und heute als Museum zur Geschichte der Sklavenverschiffung in Westafrika dient. Die Kellerräume wurden als Verliese dargestellt, in denen die Sklaven vor der Verschiffung hätten ausharren müssen, sowie ein Durchlass zum Meer, als porte sans retour (“Tür ohne Wiederkehr”) vorgeführt, durch den die Sklaven auf die Schiffe nach Amerika “verladen” worden seien. Seit 1996 ist diese Darstellung als Mythos anzusehen, der von Boubacar Joseph Ndiaye, einer angesehenen senegalesischen Persönlichkeit (gestorben im Februar 2009), als langjährigem Leiter des Maison des Esclaves und touristischem Führer in poetischer Weise ausgeschmückt und angereichert worden sei. Durch neuere Forschungen untermauert, wird inzwischen die Insel nicht mehr als Zentrum der Sklavenverschiffung angesehen. Es sollen tatsächlich “nur” 500 Sklaven jährlich über Gorée verschifft worden sein. Das angebliche “Haus der Sklaven” und die Verschiffung von dort aus ist nach den Arbeiten von Abdoulaye Camara und Joseph Roger de Benoist aus Dakar heute so einzuschätzen: Es handle sich um ein von Franzosen 1783 errichtetes bürgerliches Handelshaus mit Wohnungen und Büroräumen im ersten Stock; im Erdgeschoss hätten Haussklaven gearbeitet. Handelsgegenstände seien Gummi arabicum, Elfenbein und Gold gewesen. Nie sei das Haus Ausgangspunkt der Sklavenverschiffung gewesen, wie das Joseph Ndiaye mit dem Vorführen der aufs offene Meer führenden “Tür ohne Wiederkehr” darstellte. (Es hätten dort wegen der Felsen gar keine Schiffe anlegen können.) Die symbolische Bedeutung als Erinnerungsort für den Sklavenhandel wird von den neueren historischen Forschungen nicht verneint, aber mit anderer Gewichtung versehen. Von weit größerer Bedeutung für den Sklavenhandel waren Häfen wie Saint-Louis (Senegal) sowie solche im Golf von Guinea und in Angola.

Vor allem nach der Ausstrahlung der Serie Roots im Jahr 1977 begannen amerikanische Nachfahren von Sklaven, die Insel, die ein Jahr später zum Weltkulturerbe erklärt wurde, zur Erforschung ihrer Herkunft aufzusuchen. Das Museum in der Maison des Esclaves wurde zum Erinnerungsort für die Geschichte des atlantischen Sklavenhandels. Spitzenpolitiker und ausländische Staatschefs wie François Mitterrand sowie Barack und Michelle Obama besuchten das Haus. Neben dem Museum entsteht auf Gorée im Jahr 2017 ein internationales Forschungszentrum, an dem die Geschichte des Ortes wissenschaftlich aufgearbeitet werden soll. Das Zentrum, das vom senegalesischen Staat und der Ford Foundation finanziert wird, soll bis 2019 fertiggestellt sein. Die Symbolik des Ortes wurde an verschiedenen Stellen thematisiert. Künstler wie Steel Pulse oder Gilberto Gil verweisen in ihren Stücken auf Gorée. Der R&B-Sänger Akon bezieht sich in Senegal auf Gorée als Ort, an dem Sklaven verschifft wurden. Auch der Rapper Booba, dessen Vater aus Senegal stammt, geht in zwei Stücken auf die Insel ein.

Lesen Sie mehr auf Île de Gorée: the perfect Dakar day trip, UNESCO.org – Island of Gorée, BBC vom 27.06.2013: Goree: Senegal’s slave island und Wikipedia Gorée (Sicher Reisen - Die Reiseapp des Auswärtigen Amtes - Wetterbericht von wetter.com). Fotos von Wikimedia Commons. Wenn Sie eine Anregung, Kritik oder einen Hinweis zu dem Beitrag haben, freuen wir uns auf Ihre E-Mail an kommentar@wingsch.net. Nennen Sie dazu im Betreff bitte die Überschrift des Blogbeitrags, auf den sich Ihre E-Mail bezieht.




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