Der Wiener Prater

Mittwoch, 21. März 2018 - 11:00 (CET/MEZ) Berlin | Author/Destination:
Category/Kategorie: Allgemein, Paläste, Schlösser, Villen, Parks

Prater und Stuwerviertel © flickr.com - flightlog/cc-by-2.0

Prater und Stuwerviertel © flickr.com – flightlog/cc-by-2.0

Der Wiener Prater ist ein sehr weitläufiges, etwa 6 km² umfassendes, großteils öffentliches Areal im 2. Wiener Gemeindebezirk, Leopoldstadt, das noch heute zu großen Teilen aus ursprünglich von der Donau geprägten Aulandschaften besteht. Wenn man außerhalb Wiens vom “Prater” spricht, ist häufig nur der bekannte Vergnügungspark im Prater, der Wurstelprater, gemeint. Dieser befindet sich an der Nordwestspitze des Areals zwischen Donau und Donaukanal und macht flächenmäßig nur einen sehr kleinen Teil des gesamten Pratergebiets aus. Der Prater liegt im südöstlichen Teil der Flussinsel, die seit der 1875 beendeten Donauregulierung von Donau und Donaukanal gebildet wird. Eine offiziell definierte Begrenzung des Pratergebiets existiert nicht. Durch Verbauung hat sich im Lauf der Zeit die als “Prater” bezeichnete Fläche deutlich verringert; so wird heute das verbaute Stuwerviertel (früher Schwimmschulmais, Feuerwerksmais) nicht mehr als Teil des Praters bezeichnet, ebenso der ganz im Südosten der Insel gelegene Freudenauer Hafen oder Winterhafen. Der Prater wird üblicherweise (aber nicht amtlich) von folgenden Linien begrenzt: im Norden, vom Praterstern ausgehend, von der Ausstellungsstraße; in Nordosten vom Straßenzug Vorgartenstraße – Wehlistraße – Hafenzufahrtsstraße; im Südosten von der Seitenhafenstraße; im Süden und Südwesten von Donaukanal und Schüttelstraße; im Westen von der Stoffellagasse in Richtung Praterstern.

Der Prater war früher ein relativ unberührter Auwald. Ursprünglich bezeichnete man als Prater nur eine kleine Insel in der Donau nördlich der Freudenau, doch wurde der Begriff im Laufe der Jahrhunderte auch für angrenzende Auen verwendet, zum Beispiel seit dem 19. Jh. auch für die Krieau und den weiter stromaufwärts gelegenen, mit Wiesen durchsetzten Auwald. Um eine Direktverbindung zwischen dem kaiserlichen Palais Augarten und dem Jagdgebiet des Hofes im Prater herzustellen, wurde im Jahr 1538 (fast parallel zum heutigen Hauptstrom der Donau) die heute 4,4 km lange, schnurgerade Hauptallee angelegt. Sie entstand durch Schlägerungen im Auwald. Bis 1866 / 1867 bestand der Mittelteil zwischen 1. Rondeau (Meiereistraße) und 2. Rondeau (Lusthausstraße) noch nicht; hier war die Allee vom Heustadelwasser unterbrochen, an dessen südlichem Ufer ein Fahrweg die Verbindung komplettierte. 1867 wurde das damals an beiden Enden Brücken über das Heustadelwasser umfassende Mittelstück eröffnet. Seither führt die Hauptallee durchgehend vom Praterstern zum Lusthaus.

Prater und Stuwerviertel © flickr.com - flightlog/cc-by-2.0 Prater map © Gugerell Zeiss Planetarium © Priwo Madame Tussauds Vienna © Plamen Agov/cc-by-sa-3.0 Prater Turm und Wiener Riesenrad © Jebulon Liliputbahn © darkweasel94
<
>
Prater und Stuwerviertel © flickr.com - flightlog/cc-by-2.0
Wien Museum/Pratermuseum
Zu Beginn der 1960er Jahre wurde am Rand des Praters bei der Stadionbrücke über den Donaukanal der Forschungsreaktor des Atominstituts der österreichischen Hochschulen, heute Teil der Technischen Universität, errichtet (Praterreaktor). Am 7. März 1962 wurde die erste Kettenreaktion eingeleitet. Der Atomreaktor dient nicht der Energieversorgung, sondern der Forschung und der Ausbildung von Studierenden. Beschäftigt sind derzeit36 Wissenschaftler, 29 nicht-wissenschaftliche Mitarbeiter und etwa 80 weitere Forscher als Gäste. Rund die Hälfte der Physikabsolventen der TU machen ihre Master-, Diplom- oder Doktorarbeiten am Praterreaktor. Seit 1962 haben etwa 100.000 Besucher – vorwiegend Schulklassen – den Reaktor besichtigt. 1962 wurde die Wiener Schnellbahn mit ihrer Station Praterstern in Betrieb genommen. Aus einigen Stadtteilen und aus dem nördlichen und südlichen Umland Wiens war nun der Prater im öffentlichen Verkehr direkt erreichbar. Anlässlich der Eröffnung des neu erbauten, jetzt dem Riesenrad direkt benachbarten Planetariums am 20. Juni 1964 schenkte der Heimatforscher Hans Pemmer seine umfangreiche Sammlung von Exponaten aus dem Prater dem Wien Museum, das damit in einem Nebengebäude des Planetariums das Pratermuseum einrichtete. Im Planetarium wurde bis 1972 auch ein Kino, das “Studio 2”, betrieben.

Pratersauna
1965 wurde zwischen Messegelände und Hauptallee die Pratersauna erbaut. Sie wurde zu einem Treffpunkt der “Halböffentlichkeit”, darunter auch der russischen Mafia, und diente zeitweise als Swingerclub. 2008/2009 wurde sie unter Beibehaltung der 1960er-Jahre-Architektur und des Schwimmbeckens im Freien zu einem “Szenetreff” mit Diskothek umgebaut.

Messe Wien
1970 wurde quer durch den mittleren Teil des Praters einer der ersten Abschnitte der Südosttangente, der heute meistbefahrenen Autobahn Österreichs, eröffnet, – ein starker Eingriff in die Landschaftsstruktur des Praters. In den 1970er Jahren wurde der private Autoverkehr in der Hauptallee größtenteils eingestellt. 1981 erreichte die neu gebaute U-Bahn-Linie U1 den Praterstern. Damit war der Prater an das entstehende Wiener U-Bahn-Netz angebunden. Seit 1984 führt der Vienna City Marathon jährlich im Frühjahr durch die Prater-Hauptallee. In den Jahren 1992–1998 wurde nahe der Südspitze der heute vom 2. und vom 20. Bezirk gebildeten Donauinsel das Donaukraftwerk Freudenau errichtet. Dabei wurde der rechte Donaudamm erhöht; der Damm ist jedoch durchlässig, sodass weiterhin Grundwasser in den Bereich des Praters eindringen kann. Durch ein System von Schluckbrunnen kann der Grundwasserspiegel geregelt werden, wobei die jahreszeitlichen Schwankungen des Wasserstands simuliert werden. Dies führte zu einer erwünschten Erhöhung des Grundwasserspiegels. Allerdings strömt das Grundwasser nicht mehr durch den Schotterkörper und wird daher nicht filtriert, sodass die Pratergewässer zunehmend durch Algenblüte trüb werden. 2007 wurde eine Filteranlage installiert, die das Problem verringern soll. Die nicht mehr den heutigen Anforderungen entsprechenden Anlagen im Messegelände wurden 2001 abgerissen. Auf dem nördlichen Geländeteil wurde 2001–2004 ein neues Messe- und Kongresszentrum errichtet, das aus vier Hallen, einigen Nebengebäuden und einem markanten Turm besteht. Architekt war Gustav Peichl, die Kosten der Stadtverwaltung betrugen 192 Mio. Euro. Neben dem Messezentrum wurden ein Hotel und ein Parkhaus errichtet. Auf dem südlichen Geländeteil entstand 2009–2013 der Neubau der Wirtschaftsuniversität Wien.

Praterstern
In den Jahren 2005–2007 wurde der Bahnhof Wien Praterstern neu gestaltet. 2008 wurde die U-Bahn-Linie U2 vom Stadtzentrum zum Praterstern, zur Messe und zum Stadion verlängert. Ab 2008 wurde nach Plänen von Boris Podrecca auch der den Bahnhof umgebende Praterstern neu gestaltet. Er erhielt als Witterungsschutz ein großes Flugdach und wurde mit diversen Gestaltungselementen ausgestattet; die Kosten betrugen ca. 30 Mio. Euro.

Campus WU
An der U2-Station Krieau wurde 2007–2010 am nordöstlichen Rand des Praters ein von den Initiatoren Viertel zwei genanntes Areal entwickelt, das diverse Büro- und Wohnhäuser sowie ein Hotel umfasst. Die Gesamtkosten betrugen 360 Mio. Euro. Die Wirtschaftsuniversität Wien (WU) war 1992–2013 im Universitätszentrum Althanstraße im 9. Bezirk untergebracht. Seit 2009 wurde auf dem südlichen Teil des ehemaligen Messegeländes ein neuer WU-Campus errichtet. Die Wirtschaftsuniversität übersiedelte im Sommer 2013 zur Gänze hierher. Der Campus befindet sich unmittelbar südwestlich der Hallen der Messe Wien. Er besteht aus einer großen Zahl von Gebäuden, die um ein zentrales “Library and Learning Center” gruppiert sind. Im Areal bestehen 65.000 m² öffentlich zugängliche Freiflächen. Die Errichtungskosten des WU-Campus waren mit 518 Mio. Euro projektiert.

Der Prater heute
Der Prater ist heute ein beliebtes Ausflugs- und Erholungsgebiet. Verstreut über den ganzen Prater befindet sich eine sehr große Anzahl von Sportanlagen, u. a. für Fußball, Baseball, Landhockey, Tennis, Golf, Disc Golf am Prater Parcours, Laufsport, Reitsport, Schwimmsport, Bowling und Skateboarden; im Winter sind Langlauf, Rodeln und Schlittschuhlaufen möglich. Das Grünareal des Praters wurde im Lauf der Zeit an vielen Stellen verkleinert (Pratercottage), eine Entwicklung, die heute unvermindert anhält. Etwa 3,1 km vom Praterstern quert seit 1970 die sechsspurige, Südosttangente genannte Stadtautobahn A23 die Hauptallee und das Heustadelwasser in Hochlage. Die heute meistfrequentierte Autobahn Österreichs wurde über einen zuvor besonders stillen Teil des Grünen Praters geführt.

Lesen Sie mehr auf Prater.at, Wikivoyage Leopoldstadt und Wikipedia Wiener Prater (Sicher Reisen - Die Reiseapp des Auswärtigen Amtes - Wetterbericht von wetter.com). Fotos von Wikimedia Commons. Wenn Sie eine Anregung, Kritik oder einen Hinweis zu dem Beitrag haben, freuen wir uns auf Ihre E-Mail an kommentar@wingsch.net. Nennen Sie dazu im Betreff bitte die Überschrift des Blogbeitrags, auf den sich Ihre E-Mail bezieht.




Das könnte Sie auch interessieren:

Diesen Beitrag teilen: (Vor Nutzung der Button Datenschutzregelungen beachten)

BIQ, das weltweit erste Gebäude mit einer Bioreaktorfassade

BIQ, das weltweit erste Gebäude mit einer Bioreaktorfassade

[caption id="attachment_153736" align="aligncenter" width="590"] © iba-hamburg.de / Splitterwerk, Graz[/caption][responsivevoice_button voice="Deutsch Female" buttontext="Diesen Beitrag vorlesen"]Natürlich, effizient und einzigartig – das BIQ setzt als weltweit erstes Gebäude mit einer Bioreaktorfassade neue Maßstäbe. In Glaselementen seiner "Biohaut" werden Mikroalgen gezüchtet, die zur Energieerzeugung genutzt werden und gleichzeitig die Steuerung von Licht und Schatten kontrollieren können. Im Inneren sorgt ein innovatives Wohnkonzept für maximale Gestaltungsfreiheit des Alltages ...

[ read more ]

Die Lower East Side in New York

Die Lower East Side in New York

[caption id="attachment_168658" align="aligncenter" width="590"] Katz's Delicatessen © Alex Lozupone/cc-by-sa-4.0[/caption][responsivevoice_button voice="Deutsch Female" buttontext="Diesen Beitrag vorlesen"]Die Lower East Side (LES) ist der Teil von Manhattan in New York City, der am südöstlichen Ende der Insel am East River liegt. Die genaue Abgrenzung des Stadtteils wird heute mit der Houston Street im Norden, Bowery im Westen und East River im Süden und Osten vorgenommen. Bis zu den 60er Jahren zählte das heutige East Village als nördlicher Teil mit zur Lower East Side. Kulturschaffen...

[ read more ]

Formel-1-Weltmeisterschaft 2017

Formel-1-Weltmeisterschaft 2017

[caption id="attachment_164830" align="aligncenter" width="590"] Formula 1 @ Carter Wong Design[/caption][responsivevoice_button voice="Deutsch Female" buttontext="Diesen Beitrag vorlesen"]Die Formel 1 ist eine Zusammenfassung der Regeln, Richtlinien und Bedingungen, in deren Rahmen die Formel-1-Weltmeisterschaft (offiziell FIA Formula One World Championship), eine vom Automobil-Dachverband Fédération Internationale de l’Automobile (FIA) festgelegte Formelserie, ausgetragen wird. Die Formel-1-Weltmeisterschaft ist die höchstrangige von der FIA veranstaltete Rennserie des Formelsports. Sie...

[ read more ]

Starnberg im Fünf-Seen-Land

Starnberg im Fünf-Seen-Land

[caption id="attachment_160812" align="aligncenter" width="590"] Lake Starnberg © Ascea[/caption][responsivevoice_button voice="Deutsch Female" buttontext="Diesen Beitrag vorlesen"]Starnberg ist die Kreisstadt des gleichnamigen Landkreises innerhalb des Regierungsbezirks Oberbayern. Starnberg liegt rund 25 km südwestlich von München am Nordende des Starnberger Sees und ist ein Ausflugs- und Erholungsort im "Fünf-Seen-Land". 1226 wurde der Ort erstmals urkundlich erwähnt. Das Schloss Starnberg wurde als Besitz der Grafen von Andechs-Meran als "Starnberch Castrum" erwähnt. Der Name...

[ read more ]

Kirkenes in Nord-Norwegen

Kirkenes in Nord-Norwegen

[caption id="attachment_152787" align="aligncenter" width="590"] © Bair175/cc-by-sa-3.0[/caption][responsivevoice_button voice="Deutsch Female" buttontext="Diesen Beitrag vorlesen"]Kirkenes ist Verwaltungssitz der Kommune Sør-Varanger im Osten der Provinz Finnmark in Nord-Norwegen mit etwa 3.500 Einwohnern. Die Straßenschilder in Kirkenes sind dreisprachig: norwegisch, finnisch und russisch. Die Entfernung zur Grenze mit Russland beträgt etwa 10 km, zu der mit Finnland etwa 35 km. Kirkenes ist Sitz des norwegischen Barents-Sekretariats, das eine wichtige Rolle in der Arbeit der 1993 von No...

[ read more ]

Themenwoche Mazedonien - Bitola

Themenwoche Mazedonien - Bitola

[caption id="attachment_151170" align="aligncenter" width="590"] Clock tower © Zdravevski/cc-by-sa-3.0[/caption][responsivevoice_button voice="Deutsch Female" buttontext="Diesen Beitrag vorlesen"]Bitola (albanisch Manastir/Manastiri) ist mit fast 75.000 Einwohnern die zweitgrößte Stadt Mazedoniens. Sie bildet ein administratives, wirtschaftliches, kulturelles und politisches Zentrum im südlichen Teil des Landes. Dazu ist Bitola der Verwaltungssitz der gleichnamigen Opština, die über 86.000 Einwohner hat. Bitola liegt am Dragor, der die Stadt in eine Nord- und in eine Südhälfte teilt. 1...

[ read more ]

Themenwoche Palästina - Nablus

Themenwoche Palästina - Nablus

[caption id="attachment_171092" align="aligncenter" width="590"] An-Najah University © Guillaume Paumier/cc-by-3.0[/caption][responsivevoice_button voice="Deutsch Female" buttontext="Diesen Beitrag vorlesen"]Nablus ist eine Stadt mit 147.000 Einwohnern. Sie liegt zwischen zwei Bergen. Das biblische Sichem und die römische Gründung Flavia Neapolis waren Vorgängersiedlungen an dieser Stelle. Nablus ist Sitz der an-Najah-Nationaluniversität. Am Stadtrand von Nablus wird Josephs Grab von Christen, Juden und Muslimen verehrt. Im Distrikt Nablus einschließlich der Flüchtlingslager (Askar und ...

[ read more ]

Die Preußen

Die Preußen

[caption id="attachment_200652" align="aligncenter" width="590"] Deutsches Museum in München - Fünfmast-Vollschiff Preußen Modell © Mattes[/caption][responsivevoice_button voice="Deutsch Female" buttontext="Diesen Beitrag vorlesen"]Die Preußen (1902–1910) war ein deutsches Fünfmast-Vollschiff der Reederei F. Laeisz (FL). Sie gilt als das bekannteste Schiff, das nach dem Königreich Preußen benannt wurde. Die Schreibweise des auf dem Schiffsrumpf aufgetragenen Namens war in Kapitalschrift mit "PREUSSEN" ausgeführt, zudem wurde diese Schreibweise auch in den Schriften der Reederei F. L...

[ read more ]

Return to Top ▲Return to Top ▲
San Francisco Cable Car on California Street © Fred Hsu/cc-by-sa-3.0
Die San Francisco Bay Area

Die San Francisco Bay Area, kurz auch die Bay Area genannt, ist eine Metropolregion im nördlichen Teil Kaliforniens. Ihre wichtigsten...

West Pagoda Street © Ecabal/cc-by-sa-4.0
Shenyang in China

Shenyang liegt im Nordosten der Volksrepublik China und ist die Hauptstadt der Provinz Liaoning. Es ist das kulturelle und wirtschaftliche...

Hôtel des Invalides, as seen from the Tour Montparnasse © Jens Peter Clausen/cc-by-sa-3.0
Hôtel des Invalides in Paris

Das Hôtel des Invalides (deutsch Invalidenheim, französisch auch kurz Les Invalides) in Paris (7. Arrondissement) ist ein ursprünglich unter der...

Schließen