Das Chilehaus in Hamburg

Dienstag, 1. März 2016 - 12:00 (CET/MEZ) Berlin | Author/Destination:
Category/Kategorie: Architektur, Allgemein, Hamburg, Haus des Monats, UNESCO-Welterbe

Chilehaus © Sebastian Warneke/cc-by-sa-3.0

Chilehaus © Sebastian Warneke/cc-by-sa-3.0

Das Chilehaus ist ein 1922 bis 1924 erbautes Kontorhaus im Hamburger Kontorhausviertel. Die Architektur von Fritz Höger war beispielgebend für den Backsteinexpressionismus der 1920er Jahre, der von Backsteingotik und Expressionismus inspiriert war. Der Bau stellt mit seinen 36.000 m² Bruttogeschossfläche bis zu zehn Stockwerken auf einer Grundfläche von 5950 m² eines der ersten Hamburger Hochhäuser dar. Mit seiner an einen Schiffsbug erinnernden Spitze nach Osten ist es zu einer Ikone des Expressionismus in der Architektur geworden. Am 5. Juli 2015 wurde das Kontorhausviertel zusammen mit der Hamburger Speicherstadt und dem Chilehaus zum UNESCO-Weltkulturerbe ernannt.

Die südliche Hamburger Altstadt war vom großen Brand von 1842 verschont geblieben. Abgesehen vom Zuschütten des Reichenstraßenfleets zur Schaffung einer Verkehrsachse zwischen dem Rathaus und dem 1842 eröffneten Berliner Bahnhof wurden kaum strukturelle Änderungen vorgenommen. Das Gängeviertel war in mittelalterlichen Strukturen kleinteilig parzelliert. Das Baugelände des Chilehauses war 1868 mit 69 Gebäuden bebaut. Der Bau der Speicherstadt südlich des heutigen Zollkanals machte die Umsiedlung von 20.000 Einwohnern notwendig, von denen ein Teil im Gängeviertel Unterkunft fanden. Ende des 19. Jahrhunderts entstanden einige kleinere Geschäftshäuser, 1894 mit dem Dovenhof auch das erste Kontorhaus in Hamburg. Erst infolge der Choleraepidemie von 1892 wurde die Notwendigkeit zur Sanierung und Neugliederung des Gebietes drängender. Mit der Sanierung dieses Gebiets wurde aber erst nach weiteren zwanzig Jahren konkret begonnen. Die Planungen wurden maßgeblich von dem Hamburger Oberbaudirektor Fritz Schumacher beeinflusst. Eine grobe Planskizze von 1912 zeigt im Gebiet zwischen Steinstraße in Norden, Meßberg und Hopfensack im Süden, Kattrepel im Westen und Johanniswall im Osten, dem späteren Kontorhausviertel, mit der Burchardstraße eine neue diagonale Achse, die die nordsüdliche verlaufende Mohlenhofstraße etwa am Burchardplatz schneidet, der noch nicht skizziert wurde. Für die Bebauung waren große Blockbebauungen vorgesehen. Das eigentliche Baugrundstück, von Niedernstraße, Burchardstraße, Pumpen, Klingberg und Depenau umgrenzt und von der Fischertwiete durchschnitten, war 5.950 m² groß. Die Fischertwiete führt auf den Meßberg, der seit dem Mittelalter als Gemüsemarkt diente. In der Achse der Fischertwiete lag die Wandrahmsbrücke.

Das Baugrundstück wurde im Oktober 1921 vom Bauherrn ersteigert. Bauherr war der Unternehmer Henry B. Sloman, der sein Vermögen durch den Handel mit Salpeter aus Minen in Chile erworben hatte. Sloman wurde 1912 mit einem Vermögen von 60 Millionen Mark als eine der reichsten Personen in Hamburg bezeichnet. Sloman war mit der gleichnamigen Reederfamilie weitläufig verwandt. In Hamburg war es üblich, den Kontorhäusern Namen zu geben. Da die Reederei Rob. M. Sloman bereits ihr 1908–1910 erbautes Kontorhaus am Baumwall Slomanhaus genannt hatte, entschloss sich Henry B. Sloman, seinem Haus in Erinnerung an seine 32-jährige Tätigkeit in Südamerika den Namen “Chilehaus” zu geben.

Chilehaus © SKopp/cc-by-sa-3.0 Chilehaus © Sebastian Warneke/cc-by-sa-3.0 Inner courtyard © Agnete/cc-by-sa-4.0 Chilehaus © Wolfgang Meinhart/cc-by-sa-3.0
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Chilehaus © Sebastian Warneke/cc-by-sa-3.0
Der Untergrund war durch seine Nähe zum Zollkanal, und damit auch zur Elbe, weich. Das Grundstück liegt auf der Grenze zwischen Geest und Marsch und fällt nach Süden und Osten um jeweils zwei Meter ab. Dieser Höhenunterschied wurde in den Sockelgeschossen aufgefangen. Für den Bau wurden bis zu 16 m lange Eisenbetonpfähle mit einer Gesamtlänge von 18.000 m verbaut. Die Nähe der Elbe machte eine besondere Abdichtung der Keller notwendig, der Heizungsraum wurde als beweglicher Caisson ausgeführt, der bei Springfluten aufschwimmen konnte. Die ruhigen Flächen zwischen den Fenstern wurden im märkischen Verband (zwei Läufer, ein Binder) gemauert. Die Lisenen, kräftig ausgearbeite senkrechte Streifen zwischen den Fenstern bestehen aus jeweils zwei Ziegeln, die im Winkel von 45° gemauert sind und alle sieben Lagen gerade mit der Mauer verankert sind. Am keramischen Wandschmuck der Fassade und auch der Treppenhäuser war der Bildhauer Richard Kuöhl maßgeblich beteiligt. In einem nachgelassenen Aufsatz berichtet Höger von 17 Senatsanträgen zum Bau, unter anderem auch für die Überbauung der öffentlichen Straße Fischertwiete. Seine Entwürfe fanden zunächst beim Bauherrn und der Fassadenkommission wenig Gefallen, da der monumentale Bau 2.800 gleiche Fenster aufwies und Langeweile befürchtet wurde. Zur Auflockerung der Dachkonstruktion wurde als neue Lösung mit Staffelgeschossen gearbeitet, die dem Bauherrn als zu neumodisch erschienen. Die Baukosten konnten – bedingt durch die Inflation und die anschließende Währungsumstellung – bei der Fertigstellung 1924 nur geschätzt werden, und zwar auf rund 10 Millionen Reichsmark. Im Haus ließen sich viele kleine Import- und Exportfirmen nieder, die jeweils nur wenige Räume benötigten, um ihrem Gewerbe nachgehen zu können.

Schon kurz vor seiner Übergabe an den Bauherrn wurde das Chilehaus vielfach weltweit abgebildet. Dazu trug vor allem die exzellente Architekturfotografie von Högers “Hausfotografen” Carl und Adolf Dransfeld aus Hamburg-Winterhude vom März 1924 bei. In ihrem spektakulärsten Foto inszenierten sie durch Einsatz eines Spezialobjektivs dramatisch die Ostspitze des Gebäudes und bildeten sie aus extremer Untersicht ab. Das Chilehaus wurde so zum am meisten abgebildeten deutschen Architekturmotiv der 1920er Jahre, das auch von sehr vielen Künstlern in eigenen Werken verarbeitet wurde. Auch das deutsche Tourismusgewerbe setzte es als Sympathieträger im Ausland ein. Die meisten der euphorischen Berichte über das Kontorhaus basierten allein auf den Fotos der Gebrüder Dransfeld. Diese Eindrücke waren viel spektakulärer, als es die tägliche Ansicht des Originals vermittelte. Jedoch hat allein die Darstellung der Gebrüder Dransfeld die Sicht auf das Chilehaus über Jahrzehnte hinweg geprägt, wie der ehemalige Leiter der Hamburger Denkmalpflege, Manfred F. Fischer, nachweist: “Nicht das Chilehaus als Architektur, sondern das Photo von ihm hatte Kunstgeschichte geschrieben. Die erfundene Wirklichkeit war stärker als die Realität.” Das Chilehaus wurde zum Hauptwerk seines Architekten Fritz Höger. Mitten in der Inflationszeit begonnen, wurde es zum Ausdruck des Aufbauwillens der Hamburger Wirtschaft nach dem Ersten Weltkrieg. Höger gewann an Ansehen und erhielt etliche Folgeaufträge, unter anderem in der unmittelbaren Nachbarschaft, dem Sprinkenhof. Er äußert sich in der Folge oft und gern zum Bau und den Umfeldbedingungen. Fischer führt in seiner Einleitung aus: “Kaum ein Künstler ist bei der Selbstinterpretation so sehr Opfer seiner eigenen Sagen und Mythen geworden wie Fritz Höger. Keiner hat so viel dazu beigetragen, die Spuren zu vernebeln durch großmäuliges Verbreiten von Märchen, durch bramabarsierende Geschwätzigkeit und anbiederndes Selbstlob. … Die Fülle der Quellen bewirkt also gerade das Gegenteil von Erkenntnis, wenn man sie unkritisch benutzt.

Lesen Sie mehr auf Chilehaus, hamburg.de – Chilehaus, unesco.org – Chilehaus und Wikipedia Chilehaus. Hier erfahren Sie mehr über Bilder und deren Verwendung. Damit Sie sich auf dem Laufenden halten können, bieten die meisten Stadt- oder Tourismus-Webseiten einen Newsletter-Service an und/oder unterhalten Facebook-Seiten/Twitter-Accounts. Zudem bieten mehr und mehr Orte, Tourismusorganisationen und Kultureinrichtungen zusätzlich Apps für SmartPhones und Tablets an, sodass Sie Ihren mobilen Fremdenführer immer dabei haben können (Sicher Reisen - Die Reiseapp des Auswärtigen Amtes - Wetterbericht von wetter.com). Wenn Sie eine Anregung, Kritik oder einen Hinweis zu dem Beitrag haben, freuen wir uns auf Ihre E-Mail an kommentar@wingsch.net. Nennen Sie dazu im Betreff bitte die Überschrift des Blogbeitrags, auf den sich Ihre E-Mail bezieht.




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