Wiederaufbau des World Trade Center – Jede Woche ein Stockwerk

Juni 30th, 2011 | Allgemein | 3 Comments »

© Tobias Everke

© Tobias Everke

Der Wiederaufbau des World Trade Center macht endlich Fortschritte. Aber es gibt immer noch eine ganze Reihe von Herausforderungen. Ein Teil der Gebäude wird nur gebaut, wenn auch die Vermietung sichergestellt ist.

Der Aufzug ruckelt ein wenig, als er außen am Rohbau des World Trade Center nach oben saust. An einer Wand der Kabine kleben Logos von Gewerkschaften und bunte Plaketten vom Sonnenparadies Key West in Florida. An der Wand gegenüber hängt ein schwarzweißes Blatt Papier. Es zeigt einen Seeadler vor Sternenbanner, der den Kopf des kürzlich von einem amerikanischen Kommando getöteten Terroristen Usama Bin Ladin im Schnabel hält. “Die Leute waren ganz verrückt, als Bin Ladin erwischt wurde”, erzählt Patty Lorenz, eine Frau mit neongrüner Sicherheitsjacke, Baseballkappe und Sonnenbrille, die den Aufzug bedient. Bin Ladin war verantwortlich für die Terroranschläge vom 11. September 2001, die das alte World Trade Center zerstörten und fast 3000 Menschen das Leben kosteten. Patty Lorenz gehört zu den 3000 Arbeitern und Ingenieuren, die zehn Jahre später das neue World Trade Center bauen. “Es ist der großartigste Job der Welt”, findet sie.

Kurz vor dem Jahrestag der Anschläge herrscht Aufbruchstimmung auf der gigantischen Baustelle im Süden Manhattans. “Wir bauen ein Stockwerk pro Woche”, sagt James Keane, ein aus Irland stammender Mann mit grauem Bart, der seit 35 Jahren für die Hafenbehörde von New York und New Jersey arbeitet und für die Sicherheit an dem Projekt verantwortlich ist. Die Hafenbehörde, der das Gelände gehört, baut das Hauptgebäude “One World Trade Center”, wo Patty Lorenz den Aufzug bedient. Drei weitere Türme werden vom Immobilienentwickler Larry Silverstein gebaut, der Pächter des zerstörten World Trade Center gewesen war. “One World Trade” ragt nun schon 67 Stockwerke in den Himmel von Manhattan. Die Hälfte des Gebäudes ist bereits mit Glas verkleidet. Einer von Silversteins neuen Türmen ist 24 Stockwerke hoch.

Zwei Jahre verspätet
Vor fünf Jahren war die Baustelle an Ground Zero noch Anlass für bissige Bemerkungen des damaligen Bürgermeisters von New Orleans gewesen. “Ihr Typen in New York könnt ein Loch im Boden nicht reparieren”, hatte Ray Nagin gesagt. Zwar leistete er umgehend Abbitte und sprach fortan von einem “heiligen Ort nicht entwickelten Zustands”. Aber es war New Yorkern klar, dass Nagin nicht ganz unrecht hatte. Denn um den Wiederaufbau des World Trade Center gab es ein nicht enden wollendes Gerangel – um das Design, die Finanzierung, die Zahlung der Versicherer für den Schaden, die Verantwortung für den Bau, um die Gedenkstätte für die Opfer. Die Finanzkrise 2008 hat das alles nicht einfacher gemacht. Die Krise stellte den Bedarf an großen Büroflächen an der Wall Street in Frage. Früher erwarteten die Beteiligten einen Abschluss des gesamten Baus bis 2013. Jetzt ist frühestens zwei Jahre später damit zu rechnen.

Für wohl niemanden, der täglich durch die Sicherheitsdrehtüren im Bauzaun Ground Zero betritt, handelt es sich um eine normale Baustelle. Sicherheitschef Keane ist auf der anderen Seite des Hudson-Flusses in New Jersey aufgewachsen und hat als Kind gesehen, wie die Zwillingstürme des ersten World Trade Center Ende der sechziger Jahre entstanden. Auf seinem weißen Schutzhelm klebt ein Aufkleber für das “9/11 Memorial” – die Gedenkstätte, die in der Mitte der Baustelle entsteht. “United by Hope” – vereint durch Hoffnung – steht darauf. “Jeder von uns hier kennt jemanden, der bei den Anschlägen umgekommen ist”, sagt Keane, der selbst auf dem Weg zu einer Besprechung im World Trade Center war, als die Flugzeuge einschlugen. “Wir haben eine Menge Kollegen verloren. Es ist mir wichtig, beim Wiederaufbau mitzumachen”, sagt er.

© AP

© AP



Immobilienprojekt in ungewöhnlicher Größenordnung
Trotz dieser Emotionen ist es zum Teil doch ein normales Immobilienprojekt, wenn auch in ungewöhnlicher Größenordnung. Der Hauptturm, der 2013 fertig werden soll, wird mit 104 Stockwerken und 541 Metern das größte Gebäude in den Vereinigten Staaten werden. Die anderen drei geplanten Türme sollen jeweils mehr als 70 Stockwerke zählen. Die Kosten für das Projekt werden derzeit auf 15 bis 20 Milliarden Dollar geschätzt. “Wir geben 160 Millionen Dollar pro Monat aus”, sagt Steven Plate, der für die Hafenbehörde den gesamten Bau verantwortet. Ein Fünftel der gesamten Bautätigkeit in New York finde derzeit am Ground Zero statt.

Nicht nur in die Höhe wird gebaut, es geht auch dreißig Meter in die Tiefe. Im Bauch von Ground Zero sind Außenwände des U-Bahn-Tunnels und ein Labyrinth aus Stahlträgern zu sehen. Nur im Osten des Geländes sieht es noch ein wenig so aus wie vor fünf Jahren. In der Baugrube zeichnen sich aber die Fundamente und Grundrisse für zwei weitere von Silversteins Türmen ab. Arbeiter hängen an Matten aus Betonstahl wie an einer Kletterwand. Ein roter 850-Tonnen-Kran steht in der Kuhle. Noch aber ist nicht klar, ob und wann die Hochhäuser tatsächlich fertiggestellt werden. Silverstein muss vorher erst Mieter finden. Darauf besteht die Hafenbehörde, die sich Sorgen machte, dass Silverstein das Geld ausgehen könnte. “Turm zwei ist in Wartestellung, bis sich der Markt wieder erholt”, sagt Shari Natovitz, Risikomanagerin der Immobiliengesellschaft Silverstein Properties. Auch Turm drei wird nur gebaut, wenn Vermietung und Finanzierung garantiert sind.

Der Markt für Büroimmobilien in New York hat sich seit der Krise allerdings schon wieder etwas erholt. “Es gibt eine Chance von 50 bis 60 Prozent, dass die Gebäude gebaut werden – aber sicher erst in 5 bis 10 Jahren”, meint Albert Behler, Vorstandschef des deutschen Immobilieninvestors Paramount Group. Für die beiden am weitesten fortgeschrittenen Türme sind bereits ein paar Mieter gefunden. In dieser Woche hat die Hafenbehörde einen Mietvertrag mit dem Verlag Condé Nast abgeschlossen, der 21 Stockwerke des Hauptgebäudes übernehmen wird.


Größere Kartenansicht

Lesen Sie den ganzen Artikel auf Frankfurter Allgemeine.

Party-Parkhaus – Herzog & de Meurons “Lincoln 1111″ in Miami

Juni 25th, 2011 | Allgemein | 3 Comments »

© Iwan Baan Photography

© Iwan Baan Photography

In Miami steigen die angesagten Parties derzeit an einem Ort, wo man gewöhnlich eher düstere Filmszenen erwarten würde: im Parkhaus. Gebaut von den Schweizer Star-Architekten Herzog & de Meuron, ist das Gebäude der neueste Veranstaltungs-Tempel.

Für den Modedesigner Lei Marco ist es kein Zufall, dass er seine neueste Kollektion im siebten Stock eines Parkhauses feiert. “Ich erfinde mich gerne selbst immer wieder neu”, sagt er, “und mache Dinge, die andere noch nicht gemacht haben. Als ich diese Location zum ersten Mal sah, habe ich mich sofort in sie verliebt. Ich wollte sie auch meinen Kollegen zeigen – und das mache ich heute. Die Location könnte nicht besser sein.”

“Kein Ein-Funktionen-Gebäude”
Zu dem 65-Millionen-Dollar-Bau gehören auch Nachbargebäude. Doch die Architekten reizte vor allem die Chance, mit herkömmlichen Parkhaus-Vorstellungen zu brechen: Nichts von eintönigen Bunker-Linien, dafür eigenwillige Strukturen, die bei aller Masse des Gebäudes leicht und locker wirken. Die Vision des Auftraggebers, des Immobilienhändlers Robert Wennett, war von Beginn an eine Art Entwicklung für ein Parkhaus der Zukunft. “Das Gebäude ist ein Teil der Gemeinde, in der wir leben, also von Miami Beach”, so Wennett. “Es ist kein Ein-Funktionen-Gebäude, was ein Parkhaus ja wäre. Die Öffentlichkeit nutzt es auf unterschiedlichste Weise. So wie Bürger in die Oper oder ins Konzert gehen, kommen sie hier in das Parkhaus, um alle möglichen Formen der Kultur zu erleben.”

“Lincoln 1111″, so der offizielle Name des Projekts, versteckt die Autos keineswegs – es stellt sie aus. Daher gibt es keine Außenwände. Vor einem möglichen Absturz schützen feine, hypersolide Stahlkabel, die aus der Entfernung kaum zu sehen sind. Allein das Penthaus von Wennett im achten Stock ist privat. Sein nächster Nachbar ist ein nobles Design-Geschäft im fünften Stock des Parkhauses – ein Laden, so exklusiv, dass er keine Laufkundschaft braucht. Dafür liegt er ideal für Fahr-Kundschaft. Auch im Erdgeschoss, an einer Fußgängerzone gelegen, gab es keine Probleme, interessierte Ladeninhaber zu finden, darunter etwa eine sehr auf Stil bedachte Verlags-und Buchkette. “Die Lage bringt uns zusätzliche Kunden”, ist Ladenchefin Sandra Trapero überzeugt. “Die unterschiedlichsten Leute kommen nach Berichten aus aller Welt, um das Gebäude zu besichtigen – und dann sehen sie auch uns.”

Miami Beach schaffte in den 1920er und 30er Jahren mit seinen berühmten Art-Deco-Gebäuden den Sprung in die architektonische Moderne. Seither imitierten viele Neubauten diese Vergangenheit. An der Design-Universität der Stadt freut man sich, dass Herzog & de Meuron mit dieser Tradition brechen und wieder etwas Modernes wagen. “Das Gebäude ist passend, ein wahres Meisterwerk”, so Cathy Leff, Direktorin der Wolfsonian Universität, “besonders, da es sich eigentlich um einen normalen Funktions-Bau handelt, der bislang bekanntlich niemanden dazu brachte, auf neue Weise darüber nachzudenken. Der Bauherr und die Architekten haben etwas Gewöhnliches zu etwas Außergewöhnlichem gemacht.”

Eine der schönsten Aussichten der Stadt
Ein offenes Gebäude, das auch nachts keine Angst einflösst, eine der schönsten Aussichten der Stadt bietet – dazu indirekte Beleuchtung innen – wann hat man das schon je mit einem Parkhaus verbunden? Nach all dem Lob fühlt sich der Bauherr schon selbst fast wie ein Künstler: “Es ist wirklich etwas wie bei einem Maler oder Bildhauer”, so Robert Wennett. “Man hat am Anfang eine Idee, doch wenn man dann auf einmal fertig ist, wusste man zwar in etwa, was es werden sollte, doch vor der Reaktion von anderen Leuten darauf war es etwas völlig anderes. Ich hatte immer schon eine ungefähre Vorstellung von dem, wie das Projekt werden sollte. Doch dass es nun fertig ist, und die Leute Vision erleben können, das war für mich wirklich das Wichtigste an diesem Projekt.”

Schickeria-, Firmen-und Hochzeitsparties – sie alle buchen Lincoln 1111. Herzog & de Meuron haben das fast Unmögliche vollbracht: ein sexy Parkhaus, das Veranstaltern 18.000 Dollar Miete wert ist – kein Pappenstiel. Doch an guten Abenden ist der Mond inbegriffen.

Kulturplatz vom 08.06.2011


Größere Kartenansicht




Gefunden auf 3sat / Kulturzeit. Offizielle Website: 1111lincolnroad.com.

Return to Top ▲Return to Top ▲